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Betrachtungen zur Geschichte des Schlägerfechtensvon J. Christoph Amberger, Normanniae Berlin, Hannoverae GöttingenWidmete der Jenenser Exercitienmeister Johann Georg Paschen in der Mitte des 17. Jahrhunderts noch die Hälfte seiner literarischen Schaffenskraft der Ringerkunst, hat sein Nürnberger Kollege Johann Andreas Schmidt Anfang des 18. Jahrhunderts sein Repertoire bereits auf eine Handvoll Selbstverteidigungstricks reduziert. Zur Zeit Friedrichs des Großen findet sich das Ringen nicht einmal mehr in den sportlichen Darbietungen der Provinz: Bei dem am 19. März 1743 stattfindenden Fest der RitterAkademie in Liegnitz „liessen sich die Academisten im Fechten und Voltigieren sehen, wobey sich der Herr von Kattenborn ganz besonders distingquierte, und fast alle Lectiones im Voltigieren [i.e., dem geräteturnerischen Vorläufer des Turnens am Pferd], mit Stiefeln und Sporn, mit der grössten Accuratesse durch machte." Der Ringkampf in Deutschland war zu dieser Zeit bereits zum Jahrmarktsspektakel degeneriert. Konversationen mit der KlingeDas Fechten auf dem Liegnitzer Akademie-Fest bestand im Stoßfechten mit dem Florett. Nach Körperhaltung zu schließen, insbesondere der linken Hand, wurde dies noch nach der französischen Methode betrieben, nicht „nach Kreusslerschen Grundsätzen". Die Fechtkunst dieser Epoche entsprach ganz den ästhetischen Anforderungen der sie praktizierenden Oberschichten: In Ermangelung von Fechtmasken, die erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufkamen, befleißigten sich die Fechter einer ultrakonservativen Art des Klingenspiels, welche von Fechthistorikern gern als „Konversation mit Klingen" charakterisiert wurde und den körperlichen Widerpart zu Rehtorik und Dialektik bildete. Schenkt man dem schottischen Amateurfechter Sir William Hope Glauben, bestand zumindest bei Wettbewerben kaum Anlaß, in Schweiß zu geraten. Für Fechtturniere empfahl dieser nämlich bereits im Jahre 1707, daß niemandem gestattet werden sollte, mehr als ein Gefecht am Tag zu bestreiten, „denn nach dem ersten Gefecht ist die Kraft eines Mannes ausgespielt, und es wäre (…) höchst unvernünftig, von ihm zu verlangen, am selben Tag noch gegen einen frischen Fechter anzutreten." Das Gefecht selbst sollte auch niemals fünf oder sechs Treffer überschreiten, da „wenn die Leute so lebhaft fechten wie sie sollten, ihre Kraft verausgabt wird." Die Fechter der heute als „klassisch" geltenden Periode der Fechtkunst dürften nach heutigen Standards athletisch also eher unterqualifiziert gewesen sein: Ein Gefecht über fünf Treffer entspricht bei heutigen Turnieren der ersten Paarung der Qualifikationsrunde (Pools), welche je nach Teilnehmerzahl von vier bis sieben weiteren FünfpunktGefechten gefolgt wird, bevor die Eliminationsrunde mit Gefechten auf 15 Punkte überhaupt beginnt! Die TurnerbewegungEs mag diese allgemeine Schlappheit gewesen sein, die Friedrich Ludwig Jahn veranlaßte, Berliner Schüler im Frühling 1810 an schulfreien Nachmittagen zu Jugendspielen und „einfachen Übungen" im Freien zu animieren. Mit dem Kern seiner so gewonnenen Anhänger eröffnete er ein Jahr später den ersten Turnplatz in der Hasenheide, von wo die deutsche Turnerbewegung zwar nicht ihren Anfang, aber doch ihren populären Fortschritt nahm. Jahns Mitstreiter im Anliegen, die deutsche Jugend physisch auf Vordermann zu bringen, waren Ernst Eiselen (mit dem zusammen er im Jahre 1816 „Die Deutsche Turnkunst" herausgab) und der Magdeburger Friedrich Friesen. Beide Turner verdienen Beachtung auch in Hinsicht auf ihre Einflüsse auf die Ausbildung des Deutschen Hiebfechtens. Nach Jahn ist Fechten „eine wesentliche Hauptübung, und zur vollständigen Turnerbildung ganz unentbehrlich. Dazu muß es nach deutscher Art [das heißt, nach Kreusslerscher Methode] auf Hieb und Stich, und beides links und rechts getrieben werden." Der bis dahin übliche Fechtbetrieb ist Jahn jedoch ein Dorn im Auge. Insbesondere stößt er sich an der an den deutschen Universitäten herrschenden Tradition, eine auf den Zweikampf zugeschnittene und daher stark vereinfachte Form der Fechtkunst zu propagieren: „Es hat der Kunst als solcher geschadet, daß sie als Selbsthilfe und Kampfschirm ausschließlich betrachtet wurde. So hat sich jeder besondere Kampfbrauch in die Kunst gemischt. (…) Durch Stichblätter wie Suppenteller, durch Sturmhüte, Riesenstulpen, Schlaghosen und Stiefeln wie Löscheimer ist sie an den hohen Schulen sehr ausgeartet." Ein Blick auf die studentischen Stammbuchblätter dieser Zeit bestätigt, daß Jahn hier insbesondere studentischen Usus aufs Korn nahm. Obwohl Jahn selbst keine detaillierten Fechtübungen in seiner Deutschen Turnkunst einschließt, spielte insbesondere die Hiebfechtkunst im Pantheon der deutschen Turner bald eine besondere Rolle. Schlüsselfigur hier ist Friedrich Friesen, ein Lehrer an der Plamannschen Anstalt (wo später auch Otto von Bismarck die Schulbank drückte). Jahn beschreibt Friesen als „ein[en] aufblühende[n] Mann in Jugendfülle und Jugendschöne, an Leib und Seele ohne Fehl, voll Unschuld und Weisheit, beredt wie ein Seher; eine Siegfriedsgestalt, von großen Gaben und Gnaden, den jung und alt gleich lieb hatte." Diese äußerst überschwengliche Beschreibung ist zum Zeitpunkt ihrer Entstehung bereits ein Nachruf auf den toten Freund: Friesen fiel am 15. März 1814 in Frankreich. Nach Jahn war Friesen nicht nur generell athletisch bewandert, sondern auch „ein Meister des Schwerts auf Hieb und Stoß, kurz, rasch, fest, fein, gewaltig und nicht zu ermüden wenn seine Hand erst das Eisen faßte." Bereits vor der Ankunft Jahns in Berlin war Friesen im Jahre 1808 an der Gründung einer Fechtergesellschaft im Rahmen der Märkisch-Berlinischen „Kammer" des Tugendbundes beteiligt. Ernst Eiselen, der als in der französischen Methode ausgebildeter Fechter dieser Gesellschaft beitrat, kommentiert: „Dieser Fechtboden wurde bald und oft von Fechtmeistern und starken Fechtern aus allen Schulen besucht, wobei denn die Gesellschaft nicht ermangelte, alle diese fremd Afdenrten zu prüen un aus jeder das Beste anzunehmen. Friesen brachte das Ganze in eine Ordnung und stellte selbst diese neue Art auch am reinsten in der Ausübung dar." Diese Fechtgesellschaft löste sich 1812 vorübergehend auf und stellte ihre Räumlichkeiten den Jahnschen Turnern zur Verfügung. Als Eiselen aber ein Jahr später krankheitshalber vom Militär ausgemustert wurde, nahm er den Fechtbetrieb umgehend wieder auf. Das Fechten der Berliner Turnschule wurde in den ersten Jahren ausschließlich direkt von erfahrenen „Vorfechtern" an Neulinge weitervermittelt, ähnlich wie sich auch das studentische Schlägerfechten seit 200 Jahren fortgepflanzt hat. Erst im Jahre 1818 faßte Eiselen, der sich als von Friesen „eingeschlagen" bezeichnete, die schriftlichen Fragmente und die praktischen Anweisungen seines Lehrmeisters in einem kleinen Büchlein zusammen, das in kleinster Auflage publiziert wurde. Nach den Freiheitskriegen wuchs die Zahl der Fechter wieder an: Im Jahre 1818 hatte Eiselens Fechtboden 30 voll ausgebildete Mitglieder und sechzig Anfänger, wobei der Andrang so groß war, daß lediglich die mangelnde Räumlichkeit einer weiteren Ausweitung entgegenstand: Es konnten jeweils nur acht oder neun Paare von Fechtern gleichzeitig fechten. Die Übungen waren zudem nur bei Tageslicht möglich. Die verwendeten Waffen sind ein mit der modernen Paukglocke identischer „Hiebfechtel" , bzw. der vom Berliner Fechtmeister W. Lübeck entworfene „Bügelfechtel" der das komplexe Bügelgefäß des Hiebers rigoros verknappte. Hauptcharakteristikum der Friesen-Eisselenschen Methode ist jedoch das Schlagen der Hiebe aus den sogenannten „flachen Lagen" – welches der frühen Schlägerpraxis entlehnt ist und im Weiteren die Grundlage für das spätere Fechten aus der verhängten Auslage bildet. Die Fechter dürfen die Mensur („das Maß") durch Vor- und Zurückweichen variieren. Die Hiebe selbst werden so ausgeführt, daß sie als Halbmesser eines Kreises mit Mittelpunkt in das Zentrum der gegnerischen Brust gerichtet wurden. Dieses entspricht der bereits 1570 bei Joachim Meyer dargestellten Methode, die, auf den Kopf des Gegenpaukanten reduziert, identisch ist mit der „Einteilung des Kopfes als Scheibe" der modernen Schlägerpraxis. Wie auch beim Schlägerfechten definiert Eiselen Deckung und Parade als synonym, wobei der Arm bei der Deckung wenig oder gar nicht aus der (flachen) Auslage bewegt wird. Ähnlich den Frühphasen des Schlägerfechtens wird eine Deckung allerdings reaktiv erst mit dem Angriffshieb des Gegners angesetzt. |