Image
ImageImage
Image
Image
Abi-MesseLifestyleKarriereUnisGeschichteMagazinIntern
ImageImage
Image
Image
ImageImage
Image
Image
Image
Image

Betrachtungen zur Geschichte des Schlägerfechtens

von J. Christoph Amberger Normanniae Berlin, Hannoverae Göttingen

Die Technik des deutschen Hiebfechtens war im 19. Jahrhundert mehreren großen Umwälzungen unterworfen, anhand welcher die Entwicklungsgeschichte des Schlägerfechtens in unterschiedliche Phasen aufgeteilt werden kann. An anderer Stelle hatte ich bereits früher drei Großphasen in der Geschichte des studentischen Hiebfechtens definiert. Anhand neuerer Analysen mußte ich diese Gliederung auf vier distinkte Phasen erweitern:

Die erste Großphase, hier nur als Schläger I bezeichnet, entspricht im wesentlichen der in CORPS 4/2004 beschriebenen Methodik des Anton Friedrich Kahn. Diese basiert, wie auch die spezifisch deutsche Stoßfechtschule, auf den Lehren der Kreusslerschen FechtmeisterDynastie, welche sich von der Universität Jena aus über Deutschland verbreitete und zuerst bei Kahn schriftlich niedergelegt wurde. Diese Methodik ist vom technischen Repertoire her gesehen vergleichsweise eingeschränkt und stellt mit ihren aus der steil angesetzten „normalen" Auslage angezogenen Hieben eine spezifisch deutsche Übergangsform zwischen dem studentischen Hiebfechten und den in Frankreich und Italien gängigen Lehren dar. Diese Methodik dürfte in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts zuerst formuliert worden sein und erhält sich zumindest ansatzweise bis ins frühe 20. Jahrhundert, besonders in Prag und in einzelnen Techniken des studentischen Säbelfechtens.

Die zweite Großphase, Schläger II, umfaßt ein relativ facettenreiches Spektrum paneuropäischer Hiebfechtsysteme, welche sich insbesondere in der Spadron-, Broadsword- und Singlestick-Fechtpraxis Englands erhielten und während der napoleonischen Kriege auch in Deutschland verstärkt praktiziert wurden. Hauptcharakteristika sind das Fechten aus der mittleren Mensur, eine seitliche Zuwendung zum Gegner sowie das Schlagen aus einer relativ flach gesetzten verhängten Auslage. Diese flache Auslage machte unter anderem den Zusatz eines Terzbügels beim Korbgefäß unnötig, weshalb Waffen dieser Hauptphase recht einfach zu identifizieren sind. Das ausfallende Bein des Gegners gehört offiziell noch zum Treffergebiet, ist aber wegen der sich bei entsprechenden Angriffen ergebenden Blößen – insbesondere Kopf und Fechtarm – bereits höchst unpopulär. Diese Phase zieht sich insbesondere in der militärischen Ausbildung bis ins späte 19. Jahrhundert hinein, wo sie nach 1890 von der neuen italienischen Schule verdrängt wurde.

Die dominanteste und einflußreichste Großphase des studentischen Fechtens, Schläger III, basiert auf dem Grundkonzept des gedeckten Schlagens. Dies ist die „wissenschaftliche" Phase und umfaßt die systematische Aufarbeitung und Ausweitung des Hiebfechtens aus der verhängten Auslage in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Protagonisten dieses Prozesses sind ursprünglich die Turner Friedrich Friesen und E.W.B. Eiselen – beides langjährige Mitstreiter von Friedrich Ludwig Jahn. F.A.W.L. Roux, seines Zeichens Fechtmeister an der Universität Jena, faßte zwar noch 1840 die Grundlagen von Schläger II zusammen, wurde jedoch durch sein Deutsches Paukbuch 1857 zum Begründer einer neuen Schule, welche die Grundsätze des modernen Schlägerfechtens kodifizierte.

Die letzte Großphase, Schläger IV, stellt dann eine drastische Verknappung des vorhergehenden Systems dar und wird seit etwa 1905 praktiziert. Die Hauptmerkmale dieser Entwicklungsstufe sind die frontale Zuwendung zum Gegner und die drastisch reduzierte Distanz, welche zur charakteristischen Hiebtechnik des modernen Schlägerfechtens führte.

Alles in der Familie

Zentralfigur in der wissenschaftlichen Aufbereitung des studentischen Hiebfechtens ist der Jenenser Fechtmeister Friedrich Anton Wilhelm Roux. Dieser war allerdings nur einer von vielen publizierenden Fechtmeistern dieses Namens, welche ihren Stammbaum auf den hugenottischen Flüchtling Francois Roux aus Vienne in der Dauphine zurückführten, der sich am 1. Mai 1703 als Student der Rechte an der Universität Jena immatrikulierte und dort bis zu seinem Tod am 7. März 1750 ein recht kärgliches Dasein als Sprachmeister fristete.

Der erste Fechtmeister der Roux-Dynastie war Francois’ Sohn Heinrich Friedrich Roux (1728 – 1791), der nach Beendigung seiner Studien die Kreusslersche Stoßfechtkunst zunächst als Vorfechter des Johann Wolfgang Bieglein, genannt Kreussler, lehrte. Nach dem Tode von Bieglein-Kreussler im Jahre 1780 erhielt er die Erlaubnis, neben dem in Jena fest angestellten Universitätsfechtmeister Hauptmann Johann Heinrich von Brinken mit gleichen Rechten Fechtunterricht zu erteilen. Seine Söhne Johann Friedrich Gottlieb (1760 – 1828: der „schöne Roux"), Johann Adolph Karl (1766 – 1838) und Johann Wilhelm (1777 – 1846) engagierten sich ebenfalls als Fechtmeister. Johann Friedrich Gottlieb lehrte an der Universität Tübingen, Johann Adolph Karl in Erlangen, wo er im Frühjahr 1806 – also fünf Jahre vor Jahn – die erste Turnanstalt eröffnete, und später als Pagenhofmeister in Gotha fungierte. Johann Wilhelm übernahm die Jenenser Schüler seines nach Erlangen abgewanderten Bruders und veröffentlichte Anfang des 19. Jahrhunderts einige Schriften zur Kreusslerschen Methode, welche sich heute ungewöhnlicher Seltenheit erfreuen.

Sein Sohn Friedrich Anton Wilhelm (1817 – 1897) war nach Angaben des Familienchronisten Oskar Roux bereits im Alter von acht Jahren voll eingepaukt und übernahm am 1. Juli 1839 die Anstellung als Fechtmeister an der Großherzoglich und Herzoglich Sächsischen Gesamtuniversität zu Jena, wo der Stoßdegen noch bis in die 1840er Jahre die commentmäßige Waffe der Studenten war. Trotz seines dynastischen Familienhintergrunds in der Verbreitung der Kreusslerschen Stoßfechtmethode gab Roux bereits 1840 eine komplette Hiebfechtschule nach „Göttinger Hiebfechtmanier" heraus und bemühte sich in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Professor Dr. Scheidler um das Verbot des Stoßcomments. Mit den neuen Gesetzen für die Studenten von 1843 wurde dann das Lehren und Betreiben jeglichen Stoßfechtens generell verboten.

Die grundlegende Methodik des Hiebfechtens wurde von Roux unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten erweitert und 1857 als Deutsches Paukbuch bei Mauke in Jena veröffentlicht und mehrfach neu aufgelegt. Die überaus detaillierten Lithographien dieses Werks finden sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts in zahlreichen Fechtbüchern unterschiedlichster Autoren wieder, so auch in den englischsprachigen und französischen Publikationen des italienischen Fechtmeisters Cav. Luigi Barbasetti, welcher im Jahr 1896 die neue italienische Fechtschule in Wien einführte, von wo sie sich bis 1914 durch das gesamte zivilisierte Mitteleuropa verbreitet hatte.

Sein Sohn Ludwig Caesar Roux (1843 – 1917) kondensierte die Lehren des Vaters weiter für sein Buch „Die Hiebfechtkunst", welches im Jahr 1885 bei Pohle veröffentlicht und in Neuauflagen von 1889 und 1901 vertrieben wurde. (Exemplare des hervorragenden bibliophilen Nachdrucks von 1990 sind glücklicherweise heute noch wohlfeil auf der letzten Seite dieser CORPS-Ausgabe im Angebot der SCC GmbH zu bestellen.) Von 1865 an lehrte er als Universitätsfechtmeister in Leipzig.

Ein Vergleich seiner Hiebfechtkunst mit dem seit 1887 als „Deutsche Hiebfechtschule für Korb- und Glockenrapier" vom Verein Deutscher Universitätsfechtmeister in mehreren Ausgaben herausgegebenen Handbuch zeigt weitgehende Deckungsgleichheit des Inhalts, was auf die richtungsweisende Stellung der Roux innerhalb dieser Vereinigung schließen läßt. (Letztere Veröffentlichung ist wiederum die Grundlage der Fechtbücher der Gebrüder Seemann-Kahne aus dem frühen 20. Jahrhundert.)

Ludwig Caesar war auch das Vorbild für die Figur des Fechtmeisters Roux in Rudolf Bindings Novelle „Die Fechtbrüder" (1911), wenn auch sein Leben weit weniger melodramatisch verlief als das des Titelhelden. Auch seine Söhne, Paul und Carl Ludwig, wurden Fechter. Paul Roux wurde 1902 Nachfolger seines Vaters als Universitätsfechtmeister in Leipzig, ein Beruf, den er mit weltkriegsbedingten Unterbrechungen bis in die zwanziger Jahre ausübte, bis die Weltwirtschaftskrise ihm die Existenzgrundlage entzog. Pauls Bruder Carl Ludwig war als Vorfechter seines Bruders so gefragt, daß er es sich leisten konnte, einen Ruf als Fechtmeister an die Universität Münster abzuschlagen.

Image
Image
Image
Image