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"Die Corps qualifizieren für eine zusammenwachsende Welt unterschiedlicher Kulturen und Systeme"



Hanns-Eberhard Schleyer

Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks im CORPS-Gespräch.

 

CORPS: Herr Schleyer, Sie sind Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Welchen Beitrag leistet dieser Spitzenverband der deutschen Wirtschaft für die deutsche Gesellschaft?

 

Hanns-Eberhard Schleyer Sueviae Heidelberg: Das Handwerk ist mit seinen 860 000 Betrieben und 5,7 Millionen Beschäftigten das Herzstück des deutschen Mittelstandes. Unsere Betriebe sichern vor allem die Versorgung vor Ort mit individuellen Produkten und Dienstleistungen. Mit hoher Anpassungsfähigkeit - auch an die strukturellen Veränderungen unserer Zeit - sorgen die Betriebe für Wachstum und Beschäftigung. Und als bodenständige Unternehmer engagieren sich Handwerker über ihre wirtschaftliche Funktion hinaus im gesellschaftlichen Bereich ihres Umfeldes. Wie kein anderer Wirtschaftsbereich sorgt das Handwerk außerdem für hohe soziale Durchlässigkeit: Der Meisterbrief öffnet die Option eines Seitenwechsels vom Arbeitnehmer zum Unternehmer. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks vertritt die politischen Interessen des Handwerks und ist zugleich Dienstleister für die Betriebe. Gemeinsam mit den Kammern und Verbänden engagieren wir uns in der Wirtschaftsförderung für die Betriebe und entwickeln Instrumente zur Verbesserung ihrer Leistungsfähigkeit. Ein besonderer Schwerpunkt ist dabei die Qualifizierung der Arbeitnehmer und Unternehmer. Und gerade von dieser Aus- und Weiterbildungsleistung des Handwerks profitieren Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt.

 

CORPS: Allenthalben setzt die Bundesregierung sogenannte Reformen um: Steuern, Rente, Krankenversicherung, Kombilohn sollen hier als Beispiele dienen. Sind dies tatsächlich Verbesserungen für die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands?

 

Hanns-Eberhard Schleyer: Die sogenannten Reformen sind bislang nicht die wirklichen, umfassenden und tiefgreifenden Veränderungen, die wir bräuchten, um den Wirtschafts- und Beschäftigungsstandort Deutschland wieder fit zu machen für den globalen Wettbewerb. Weder die Steuerbelastung noch die Gesamtsozialversicherungsquote ist unter die versprochenen 40 Prozent gesunken. Die Konsequenz ist eine unerträglich hohe Arbeitslosigkeit. Was in den vergangenen Jahren an Veränderungen auf den Weg gebracht wurde, ging entweder nicht weit genug, war ein Herumdoktern an Symptomen oder drehte notwendige Reformen sogar zurück - Stichworte Lohnfortzahlung, Kündigungsschutz, 630-MarkJobs und Scheinselbständigkeit. Die Rentenreform brachte zwar den notwendigen Einstieg in die kapitalgedeckte, private Altersvorsorge. Der Rentenversicherungsbeitrag wird aber in den kommenden Jahren nicht im

erforderlichen Umfang abgesenkt, weil der politische Mut zu unpopulären Maßnahmen - wie etwa zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit und zur Absenkung des Leistungsniveaus - fehlt. Wir müssen die sozialen Sicherungssysteme auf eine Grundsicherung zurück führen und den „Umverteilungsdschungel" lichten. In allen Bereichen gilt es, die Eigenverantwortung zu stärken.

 

CORPS: „Die Karten müssen auf den Tisch, es kann nicht mehr weiter gewurstelt werden„ ist aktuell im vielstimmigen Chor aus der Politik zu hören. Brauchen wir in Deutschland eine zweite „Stunde Null„, um uns aus Trägheit und Versorgungsansprüchen zu lösen und endlich mal wieder anzupacken?

 

Schleyer: Angesichts der Komplexität der Problemlagen mag der Gedanke an einen gründlichen Neuanfang verlockend sein. Wichtiger erscheint mir, dass wir schnell, mutig und mit Tatkraft wieder an die erfolgreiche Grundlage der sozialen Marktwirtschaft anknüpfen und Irrwege korrigieren. Es ist eben kein Naturgesetz, dass wohlhabende Gesellschaften bei wachsenden Versorgungsansprüchen immer träger werden und im internationalen Wettbewerb zurück fallen. Die Menschen sind lernfähig, und das gilt auch für die Gesellschaft als Ganze. Es hängt von jedem einzelnen Mitglied der Gesellschaft ab, ob es sich dabei um ein „pathologisches Lernen„ nur unter größten Schmerzen handelt oder um ein vorausschauendes Lernen mit Mut zum Schöpferischen. Die politischen Entscheidungsträger müssen endlich die Dinge beim Namen nennen und Alternativen zur Wahl stellen, auch diejenigen, die „weh tun„. Unsere Gesellschaft braucht Visionen, in denen Freiheit und Leistungsbereitschaft einen ebenso großen Stellenwert einnehmen wie der soziale Ausgleich. Die Klientelpolitik des kleinsten gemein

samen Nenners und des wohligen Sozialkonsenses ist offenkundig an ihre Grenzen gestoßen.

 

CORPS: Was würden Sie als erstes in Deutschland ändern/verbessern?

 

Schleyer: Ich vertraue auf die Kreativität, Leistungsfähigkeit und das Verantwortungsgefühl der Menschen. Deshalb runter mit der Staatsquote durch einen Rückzug des Staates aus vielen Bereichen der Daseinsvorsorge mit der Konsequenz, dass die Bürger durch Steuer- und Abgabensenkung über den größten Teil ihres Einkommens auch tatsächlich selbst verfü gen können. Und ich würde die Bundestags- und Landtagwahlen auf einen Termin legen, damit die Politik nicht in einem fortwährenden Wahlkampf paralysiert ist. So haben mutige Reformschritte auch Zeit, ihre positiven Wirkungen zu entfalten.

 

CORPS: Die PISA-Studie hat gezeigt, dass Deutschland im weltweiten Vergleich der Bildung immer stärker zurückfällt. Die Zukunftschancen des Landes könnten in der Folge rapide sinken. Welche Vorschläge haben Sie für eine Verbesserung der Situation an den Schulen?

 

Schleyer: Dank PISA ist die Schieflage des deutschen Bildungssystems nun offiziell. Das Land der Dichter und Denker ist nicht einmal mehr Mittelmaß. Gerade das Handwerk als größter Ausbilder im Land bekommt dies zu spüren. Denn immer mehr Schulabgänger sind aufgrund mangelnder Kenntnisse in den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen nicht ausbildungsfähig. Aber die Betriebe können natürlich nicht auf Dauer die Rolle eines Reparaturbetriebs für Mängel der schulischen, vorschulischen und elterlichen Erziehung übernehmen. Die entscheidenden Weichen müssen bereits in Kindergarten und Grundschule ge stellt werden. So sollte schon vor der Einschulung an der Sprachkompetenz der Kinder gearbeitet werden. Seit langem fordert das Handwerk mehr schulische Ganztagsangebote. Grundsätzlich befürworten wir mehr Wettbewerb an den Schulen mit transparenten Kriterien und Messverfahren. Nicht zuletzt müssen wir uns vor allem als Eltern von der PISA-Studie angesprochen fühlen. Ohne eine frühzeitige Förderung unserer Kinder in der eigenen Familie verpuffen die Anstrengungen im schulischen Bereich.

 

CORPS: Deutschlands Wirtschaft orientiert sich im internationalen Wettbewerb grundlegend neu und besser. Welche Lösungen gibt es für das „Unternehmen Corps" im Wettbewerb um die besten Köpfe?

 

Schleyer: Corps können Schlüsselqualifikationen und Erfahrungen vermitteln, die stärker denn je gefragt sind. Die frühe Verantwortung in einer und für eine Gruppe, das interdisziplinäre Gespräch, die gelebte Zivilcourage und nicht zuletzt die Toleranz Neuem und Anderem gegenüber qualifizieren für eine zusammen wachsende Welt unterschiedlicher Kulturen und Systeme.

 

Die Fragen stellte Michael Schur Cherusciae, Joanneae

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