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Corps entwickeln PersönlichkeitenInterview mit den Jugend Aktiv-Vorsitzenden Lothar Mehl AlbertinaeMichael Schur Cherusciae, Joanneae: Herr Mehl, in unserem Gespräch für die Ausgabe 4/2004 sagten Sie, daß Führungskräfte der Wirtschaft sich erfolgreich mit einem Coach auf ihre Zukunftsaufgaben vorbereiten. Hat es auch für einen AHV Sinn, einen Coach von Jugend Aktiv für junge Corpsbrüder im Studium zu engagieren?
Schur: Ging es nicht bislang auch ohne Coach? Mehl: Für die Vergangenheit trifft dies zu. So lebten zum Beispiel die Inaktiven in deutlich größerer Zahl als heute am Ort des Corps und waren damit Vermittler von Wissen sowie Vorbilder im Erfolg. Heute wechseln Inaktive oftmals den Studienort – auch infolge der Studienreform. Damit fehlen diese als Vermittler von Wissen um das Studium. Schur: Den teilweisen Ausfall dieses Erfahrungsprozesses kann ein Coach kompensieren? Mehl: Der professionelle Coach ist schneller, zielgerichteter und effizienter. Die Erfahrungen und Entscheidungsparameter für das Studium werden in wenigen Stunden auf die Kernfragen gebündelt: - Welche Begabungen und Talente hat der Fuchs oder Corpsbursche tatsächlich? Was ist Wunschdenken, was ist fehlgeleitetes Interesse? - Welche Berufe erfordern genau diese Voraussetzungen? - Auf welchen Wegen, also mit welchen alternativen Studienabschlüssen lassen sich die Begabungen verstärken und zu einer soliden Basis für eine berufliche Existenz aufbauen? Schur: Könnte dies nicht auch die Altherrenschaft mit ihrem breiten Berufsspektrum leisten? Mehl: Sie könnte es durchaus. Es gibt noch immer Alte Herren und auch Inaktive, die dies vorbildlich tun. Diese Hilfe wird aber zu selten gegeben. Ein Grund dafür: Die meisten Alten Herren leben heutzutage viel weiter weg vom Corps als früher. Schur: Welche Effekte hat das Coaching für den Aktiven? Mehl: Der Aktive muß sich sehr ernsthaft mit sich auseinandersetzen. Es gilt: Es gibt kein Entkommen – auch wenn es schmerzhaft wird. Er wird erkennen, worin seine tatsächlichen Begabungen liegen, über die er lebenslang verfügen muß und wird. Richtig informiert über seine Talente, wird der Aktive sein Studium nicht abbrechen oder wechseln müssen. Einige Zahlen dazu: Heute gilt, daß bis zum dritten Semester jeder dritte Studierende wechselt oder abbricht. Die Gefahr, nach dem Examen – also leider zu spät – zu erkennen, daß „eigentlich" ein anderes Studium hätte gewählt werden müssen, liegt in der Größenordnung von etwa 50 Prozent. Mich wundert, daß die Politik auf diese Verschwendung von Ressourcen nicht genügend reagiert. Ein Studium kostet den Staat zirka 40.000 Euro also etwa 4000 Euro pro Semester. Schur: Woher stammen diese Werte? Mehl: Die Studienkosten nannte uns ein Kultusministerium. Und im Laufe meiner mehr als 20jährigen Arbeit als Berater interviewte ich über 9.000 Führungskräfte der Wirtschaft. Schur: Wie äußerten sich diese Führungskräfte dazu? Mehl: Freiwillig so gut wie nie. Erst nach einem eingehenden Gespräch von ein bis zwei Stunden – und gelegentlich auch dann nicht gern – ist diese Frage erlaubt, wird die Frage überhaupt beantwortet. Sie lautet: „Würden Sie Ihr Studium nochmals absolvieren oder welches statt dessen wählen?" Schur: Woher kommt diese Fehleinschätzung der eigenen Talente? Mehl: Das hat mehrere Ursachen: Fast immer fehlte eine solide Berufsberatung, die diesen Namen verdient. Es gibt heute nur ganz wenige Berater, die eine solche Leistung zu bringen im Stande sind. Vor 30 oder 40 Jahren konnte man sich eine Beratung, die Talente freilegt, noch nicht einmal vorstellen. Schur: Welche Voraussetzungen sind dazu erforderlich? Mehl: Die Bereitschaft, sich mit 18 bis 22jährigen in ein partnerschaftliches Gespräch zu begeben. Gute Kenntnis von wenigstens 100 bis 200 der wichtigsten Berufsfelder unserer Zeit. Eine aktuelle Kenntnis über die Studienangebote von mehr als 200 Hochschulen alleine in Deutschland. Schur: Was müßte aus Ihrer Sicht in Deutschland geschehen, damit zukünftig die Quote der Studienwechsler und –abbrecher, aber auch die der Absolventen mit dem zweitbesten Studium deutlich gesenkt würde? Mehl: Ideal, aber aus heutiger Sicht weder bezahlbar noch mangels geeigneter Coaching-Trainer machbar, wäre die Beratung aller Schülerinnen und Schüler im Jahr vor dem Schulabschluß – gleich welcher Art. Wir brauchen in Deutschland, wenn wir uns eine erfolgreiche wirtschaftliche Zukunft wünschen, die individuelle Förderung eines jeden Jugendlichen in der Ausbildung und damit einen forcierten Ausbau des Berufsbildes „Ausbildungs-Trainer", um junge Menschen vor Fehlentscheidungen zu bewahren und Überkapazitäten in den Hochschulen abzubauen. Das sind wir dem Fortbestand unserer Gesellschaft schuldig. Schur: Und was empfehlen Sie den Corps und den AHV? Mehl: Den jungen Aktiven eine Überprüfung ihrer Studienwahl. Mehr als 40 bis 50 Prozent der jungen Aktiven werden – so befürchte ich – auf dem zweitbesten Weg zu einem Studienabschluß sein. Das schließt zukünftige schwerste Enttäuschungen – persönlicher und beruflicher Art – zwangsläufig ein. Ich empfehle, Füchsen und Corpsburschen auch nach ihrer heute schon getroffenen Studienwahl eine Überprüfung ihrer Studienziele und Berufsvorstellungen zukommen zu lassen. Intensiv-Beratungen dieser Art sind in der heutigen Zeit außer der Förderung der Persönlichkeit das wertvollste, was ein Corps seinem Nachwuchs und damit seiner eigenen Zukunft bieten kann. Schur: Vielen Dank für das Gespräch.
Informationen zu JUGEND AKTIV e.V. gibt: Ted Peter Teichstraße 6, 21614 Buxtehude Tel.: (04161) 722 729 mobil: (0179) 92 54 666 E-Mail: Peter.Ted(at)t-online.de web: www.jugendaktiv.org |