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Seit dem 25. Januar 1992 gibt es wieder corpsstudentisches Leben an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald, einer der ältesten in Deutschland (1456), deren Namensgeber hier studiert und später Geschichte gelehrt hat. Ein Generalconvent der Irminsul hatte am 11. Januar 1992 nahezu einstimmig beschlossen, das frühere Mediziner-Corps Marchia in „Gryps" zu restituieren - so wie es einer Fusionszusicherung aus dem Jahr 1954 entsprach. Achtundzwanzig Irminsuler lösten das Versprechen ihres Corps ein und nahmen das Märkerband auf.
Das Corps Marchia ist aus einem 1881 gestifteten Akademisch-medizinischen Verein hervorgegangen, der Bestimmungsmensuren focht und dem Goslarer Kartellverband Natur- wissenschaftlich-Medizinischer Vereine angehörte. 1923 erklärt sich der Bund zum Corps und tritt dem Rudolstädter SeniorenConvent bei. Dieser Schritt trägt zum weiteren Aufschwung bei, und Marchia erringt eine angesehene Stellung in dem kleinsten der drei deutschen Corpsverbände.
Das „Dritte Reich" setzt dieser corpshistorisch kraftvollen Periode ein unabwendbares Ende. Das aktive Corps löst sich 1935 auf. Das Corpshaus geht in der rechtsunsicheren braunen und später roten Zeit verloren und gelangt auf heute nicht mehr aufklärbare Weise in das Eigentum der Stadt. Allein der AHV besteht fort und hält die Verbindung unter den Corpsbrüdern aufrecht, die er nach dem Krieg wieder sammelt. Da ein Auferstehen am angestammten Ort ausgeschlossen ist, beschließt die Altherrenschaft 1954, sich mit den Altherrenvereinen der Irminsul und der Franconia Halle zum Altherrenverein der Irminsul zu vereinen und das aktive Corps in Hamburg zu unterstützen, solange das in Vorpommern nicht möglich sei.
Zwei tatkräftige Hamburger Aktive gehen im Frühjahr 1992 nach Greifswald, wohlwollend empfangen von der Alma Mater. Magnifizenz Prof. Dr. Zobel hält im Rahmen eines Festaktes anlässlich der Restitution die Festrede in der altehrwürdigen Aula. Er spricht über die Unteilbarkeit wissenschaftlicher Wahrheit, ein Prinzip, das das erledigte Regime vergeblich außer Kraft zu setzen versucht hatte. Auch der spätere Rektor Prof. Dr. Regge erweist sich als Freund und geistiger Förderer des Corps.
Schwierige Semester des Aufbaus folgen, personell auch unterstützt von den späteren Kartellcorps Cheruscia Berlin und Markomannia Bonn. Marchia tritt 1993 dem Weißen Kartell bei. Einen bedeutenden Schritt zur Stabilisierung des Corpslebens stellt 1994 der Erwerb des eigenen Hauses an der Stralsunder Straße 9 dar, der ohne die maßgebliche Hilfe des damaligen WVAC-Vorsitzenden, Johann Peter Blank Saxoniae Hannover, Saxoniae Karlsruhe, nicht möglich gewesen wäre. Die Opferbereitschaft der nur dreißig Alten Herren, großzügig unterstützt vom WVAC, die erforderlich war, dieses Haus zu erwerben und es als Mittelpunkt des Corpslebens instand zu setzen, hat das Corps außerordentlich zusammen geschweißt. Dazu haben auch die Eigenleistungen der Aktiven wesentlich beigetragen. Dieser Geist hat geprägt. Man weiß zu schätzen, was man selbst geschaffen hat. Das Corps kann gerade an einer kleinen Universität nur dank hoher Einsatzbereitschaft eines jeden Aktiven bestehen. Bei insgesamt nur zirka 6000 Studenten und einer entsprechend geringen Anzahl an Studienanfängern gilt es auch, sich im Wettbewerb mit den sechs anderen waffenführenden Bündern am Ort zu behaupten. Das Umfeld an der Universität und auch in der Stadt ist im Allgemeinen zwar wohlwollend neutral, und die Marchia ist durchaus nicht mehr unbekannt.
Aber die Stellung von früher, als sich das Corps weitestgehend Ost-und Mitteldeutschland rekrutierte, gilt es noch zurück zu erwerben. Um so mehr freuen wir uns darüber, dass ein guter Teil der jungen Corpsbrüder aus Vorpommern und Mecklenburg stammt, wenngleich die Herkunft des Einzelnen im Corpsleben keine Rolle spielt.
Nur so aber ist es möglich, dass sich allmählich wieder ein Stamm ortsnaher Alter Herren aufbaut - ein für das Überleben jedes Corps wesentliches Element. Denn die Randlage Greifswalds wirkt sich für das Universitäts- und Corpsleben erschwerend aus, nicht nur, indem sie den Alten Herren regelmäßig hohe Fahrleistungen abverlangt. Sie lässt mutmaßlich vielen Studienanfängern aus anderen Bundesländern - und leider auch Angehörigen anderer WSC-Corps - den fernen Standort unattraktiv erscheinen, obwohl Greifswald im Universitätsranking stets sehr gut abschneidet und zum Beispiel mit der medizinischen Fakultät und ihren wissenschaftlichen Einrichtungen einen führenden Platz in Deutschland inne hat. Und wer einmal das Flair der alten Universitäts- und Hansestadt und ihrer Lage an der Küste wahrgenommen hat, fühlt sich stets wieder davon angezogen.
Inzwischen konnten wir die ersten Eigengewächse philistrieren. Marchia war nie ein zahlenstarker Bund, dafür zählt aber jeder Einzelne, und wir zählen auf jeden Einzelnen. Mit Aktivenzahlen zwischen sechs und zehn steht Marchia heute eigenständig da und blickt voller Zuversicht in die Zukunft.
Von Heinrich Diedler Cherusciae, Marchiae |