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Corpsstudenten: „high potentials" für Managementpositionen?Ein VorwortDie Corps und ihre inneren Strukturen und Abläufe sind häufig Gegenstand von Untersuchungen. Sei es unter historischen, soziologischen oder politischen Gesichtspunkten, die Öffentlichkeit scheint sich für die Corps zu interessieren. Auffällig ist dabei, daß sich oft Außenstehende berufen fühlen, „klärende Worte" zum Thema zu finden – meiner Meinung nach mit teilweise recht geringem Erfolg. Kommt das Gespräch auf die Frage, welche Rolle Corps für den Beruf spielen, hat man es meistens mit aufgewärmten Argumenten aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg zu tun oder mit der spektakulären Darstellung von Einzelfällen, die unter Hinweis auf statistische Untersuchungsmethoden keinesfalls eine Verallgemeinerung zulassen. Natürlich sind auch die von mir in den vergangenen drei Jahren gefundenen Ergebnisse nicht auf alle Corpsstudenten verallgemeinerbar. Aussagen über die Frage „haben Corpsstudenten diese oder jene Kompetenzen?" erfordern eine Vollerhebung, die bereits aus organisatorischen Gründen nicht durchzuführen ist. Soll dennoch die Frage untersucht werden, ob Studenten soft-skills im Corps lernen, muß das Untersuchungsdesign notwendige Vorkehrungen treffen, um gegebenenfalls lediglich mit Mitteln der deskriptiven Statistik zu arbeiten. Konkret wurden zweiundsiebzig Corpsstudenten und siebenundsiebzig uncorporierte Männer per anonymen Fragebogen von mir befragt, ob sie von sich selber der Annahme sind, verschiedene softskills a) zu Berufsbeginn gehabt zu haben bzw. b) zum jetzigen Zeitpunkt zu besitzen. Bei der Auswahl der Probanden wurde auf ein vergleichbares soziales Umfeld geachtet und die Definitionen, die für die zu untersuchenden softskills zugrunde lagen – gleich mehr hierzu –, wurden in jedem Fragebogen wiederholt, so daß davon auszugehen ist, daß alle Befragten ein weitgehend gleiches Verständnis der Frageninhalte hatten. Ausgewertet wurden die mehr als achttausend Einzelantworten mit Hilfe von Methoden der multivariaten Statistik (Faktorenanalyse), um die Beziehung zwischen den beschreibenden und erklärenden Variablen zu errechnen. Bereits an dieser Stelle sei gesagt, daß sich die Antworten der befragten Corpsstudenten zu Berufsbeginn deutlich (Abbildung 1) von denen der Uncorporierten in Hinblick auf ihre Kompetenzen unterschieden. Flankiert wurde diese quantitative Befragung von einem offenen, qualitativen Fragebogen, der insgesamt von dreiundfünfzig Corpsstudenten jeden Alters ausgefüllt wurde. Hier stand jedoch nicht die genaue Kompetenzermittlung im Mittelpunkt, sondern es sollten eher generelle Aussagen aufgenommen werden zu den positiven und negativen Erfahrungen in der Aktivenzeit, nach dem Studium und im Arbeitsleben. Eine Reihe von Interviews rundet die Untersuchung ab. Alles in allem also eine Mischung aus qualitativen und quantitativen Methoden der empirischen Forschung, natürlich – es sei nochmals darauf verwiesen – mit all ihren Vor - und Nachteilen für eine Verallgemeinerungsfähigkeit der Ergebnisse. Wie es so schön heißt, bleibt es dem geneigten Leser überlassen zu entscheiden, ob er eine Verallgemeinerung der Ergebnisse auf die gesamte Gruppe der Corpsstudenten zuläßt oder nicht. Soviel zur Vorrede. Der Autor
Dr. Stephan Franz Gellrich ist Isare und Austrianer. Nach seinem Studium der BWL ging er 1998 nach Paris, um dort zunächst für Ernst & Young und später dann für Cap Gemini Ernst & Young Kunden bei paneuropäischen Projekten im Bereich Unternehmensumstrukturierung zu begleiten. Parallel zu seiner Tätigkeit als Consultant wird er 2002 visiting professor an der Wirtschaftshochschule ESCP-EAP, die ebenfalls in Berlin als Universität vertreten ist. Hier lernt er seinen zukünftigen Doktorvater kennen, den er für die Fragestellung begeistern kann, ob die Mitgliedschaft in einer Gruppe das Erlernen von Management softskills stimuliert. Als Untersuchungsobjekt wählt er die schlagenden Corps. Ende 2004 wurde die Arbeit in Frankreich abgeschlossen und erfolgreich verteidigt. Jetzt orientiert sich Dr. Gellrich beruflich neu, arbeitet aber auch an der deutschen Fassung seiner Promotion, für die er gerade einen geeigneten Verlag in Deutschland sucht. Für CORPS hat er bereits erste Schlüsselergebnisse zusammengefaßt. Der Autor kann erreicht werden unter: gellrich(at)gmail.com Soft-skills im Zentrum der AnalyseJeder Corpsstudent kennt Momente der Spannung zwischen Corpsbrüdern, der Enttäuschung, der Angst aber auch des Stolzes und der Freude einem Corps anzugehören. Positives und Negatives wird informell zwischen Corpsbrüdern gelebt und geteilt; bei den meisten Themen begleitet aber auch ein durch den CC gesteuertes offizielles Prozedere das „Verarbeiten von Erfahrungen". Je länger ein Corpsstudent dem Corps angehört, desto routinierter geht er mit den Höhen und Tiefen der Aktivität und Inaktivität um; der Pädagoge wird auf die natürliche Lernkurve verweisen. Da es sich bei den „Erfahrungen" der Aktivität und Inaktivität häufig um Streß-, Gruppen-, oder Organisationsprobleme handelt, die in ähnlicher Weise in der beruflichen Praxis wiederkehren und gelöst werden müssen, läßt sich die Frage stellen, ob ein schlagendes Corps als Förderer von soft-skills, also von fachungebundenen Managementkompetenzen, eingestuft werden kann. Zuerst muss geklärt werden, was überhaupt genau unter softskills zu verstehen ist. Antwort finden wir bei einem der Pioniere der Forschung, Richard Boyatzis, der einen Großteil seines beruflichen Schaffens dieser Frage gewidmet hat. Der breiteren Öffentlichkeit ist Boyatzis aus seinem 2003 erschienenen Buch „Emotionale Führung" (zusammen mit Daniel Goleman und Annie McKee) bekannt, aber bereits 1982 stellte er sich in seinem Buch „The competent Manager" die Frage, was – abgesehen von der fachlichen Qualifikation – den Erfolg eines Managers garantiert. Hier bietet er ein Inventar von neuzehn soft-skills, in das er „logisches Denken" und „Synthesefähigkeit" einschließt, also die Kompetenz, Zusammenhänge zu sehen, diese zu verstehen, zusammenfassen und interpretieren zu können. Da sich meine Fragestellung nicht auf die Voraussetzung zum erfolgreichen managen bezog, sondern auf die Frage, welche soft-skills durch die Mitgliedschaft in einer Gruppe gefördert werden, habe ich diese zwei von Boyatzis aufgeführten Kompetenzen nicht weiter untersucht, da sie meiner Meinung nach nicht in einer Gruppe erlernbar sind. Drei andere Kompetenzen habe ich jedoch hinzugefügt, so daß insgesamt zwanzig soft-skills untersucht wurden. Es handelt sich konkret um folgende Kompetenzen, die hier mit einer Kennziffer versehen sind, da in Abbildung 1 darauf Bezug genommen wird:
- Effizienzorientierung (1), - Proaktivität (2), - Betrachtungsrahmen erstellen und nutzen können (3), - Gespür für die Wirkung der eigenen Person (4), - andere entwickeln können (5), - Durchsetzungskompetenz (6), - Spontaneität (7), - Steuern und Nutzen von Gruppenmacht (8), - Optimismus (9), - Gruppenprozesse handhaben können (10), - exakte Selbsteinschätzung (11), - Selbstkontrolle (12), - Fähigkeit, Mitarbeiter für spezielle Aufgaben auswählen zu können (13), - durch Objektivität Abstand zu einem Thema haben können (14), - Durchhaltevermögen (15), - enge persönliche Beziehungen pflegen können (16), - Selbstvertrauen / -bewußtsein (17), - verbale Ausdrucksfähigkeit (18), - Integrations- und Anpassungsfähigkeit (19), - Krisen- und Konfliktfähigkeit (20).
Hypothesen als AusgangsbasisZwanzig Hypothesen, alle nach dem Muster: „Corpsstudenten müßten die Kompetenz XY haben, weil sie während ihrer Aktivität häufig diese oder jene (Lern-)Erfahrungen haben machen können" wurden aufgestellt. In der vorgelegten Arbeit wurden diese Hypothesen von insgesamt einhundert Interviews illustriert, die ich mit Corpsstudenten verschiedenen Alters geführt habe, um dem uncorporierten Leser die Möglichkeit zu geben, die Hypothesen nachzuvollziehen. Auf die einzelne Argumentationsführung wird an dieser Stelle jedoch verzichtet, da jeder Corpsstudent selber beurteilen kann, ob er in der Aktivenzeit Erfahrungen gemacht hat, die eine oder mehrere der soft-skills bei ihm förderten. Die zwanzig Vermutungen wurden mit in der Statistik und Personalwirtschaftslehre üblichen Methoden überprüft. |