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Corpsstudenten - "high potentials" für Managementpositionen?

Fortsetzung von CORPS 1/2005

Die Ergebnisse in Kürze

Von den überprüften softskills erwiesen sich zehn bei den Corpsstudenten zu Berufsbeginn besser ausgeprägt, als bei den befragten Unkorporierten. Dabei handelte es sich um zwei Typen von Kompetenzen, die man als „Egokompetenzen" beziehungsweise als „Altrokompetenzen" bezeichnen könnte.

„Egokompetenzen"

Bei „Egokompetenzen" handelt es sich um Fähigkeiten, die dem Individuum helfen, die eigene Karriere voranzutreiben. Zu diesen Kompetenzen zählen das Gespür für die Wirkung der eigenen Person, das Steuern und Nutzen von Gruppenmacht, Selbstkontrolle sowie Selbstvertrauen und -bewußtsein. Es liegt nahe, daß diejenigen Personen, die diese Kompetenzen bereits zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn beherrschen, einen gelungeneren Karrierestart absolvieren, als Personen, die noch nicht über diese Kompetenzen verfügen.

So hilft das Gespür für die Wirkung der eigenen Person einem Berufsanfänger recht schnell, zu verstehen, ob er in das Unternehmen, in welchem er seinen Berufsweg beginnt, gut hineinpaßt und ob er von seinen Kollegen akzeptiert wird. Sollte dies nicht der Fall sein, wird er schnell korrigierende Maßnahmen einleiten, um seinen Karrierestart nicht zu gefährden. Das „schonungslose" Feedback, das man – ob man es hören will oder nicht – während seiner Aktivität von seinen Corpsbrüdern bekommt, trägt hier Früchte.

Das Steuern und Nutzen von Gruppenmacht müßte in dieser Hinsicht beim Berufsstart hilfreich sein, da der Inhaber dieser Kompetenz bereits früh aktiv und geschickt versuchen wird, notwendige Mehrheiten für eine Entscheidung zu schaffen. Hierbei wird er nicht dem Irrglauben unterliegen, daß eine Entscheidung lediglich in der offenen Diskussion der Ideen mit den Entscheidungsträgern getroffen wird. Dem Inhaber dieser Kompetenz wird vielmehr klar sein, daß das „Bereiten des Vorfeldes" der Hauptbestandteil des Entscheidungsprozesses ist. Man könnte hier an Gespräche zur „Vorbereitung" des CC denken.

Eine gesteigerte Selbstkontrolle sollte bereits zu Beginn der Karriere insofern helfen, als impulsive Überreaktionen, etwa aufgrund zu großen Stresses, zurückgehalten werden. Auf diese Weise wird das Bild, welches der Berufseinsteiger von sich selber abgibt, nicht durch heftige, unter Umständen sehr verständliche, Reaktionen auf Verhaltensweisen von Kollegen getrübt. Je früher diesbezüglich Selbstkontrolle angewendet wird, desto eher wird dies dazu beitragen, daß der junge Berufstätige in den Jahresbewertungen als eine solide und der Arbeit zugeneigte Person gilt. Spontan kommt mir diesbezüglich das Fechten und der Umgang mit Strafanträgen in den Sinn.

Selbstvertrauen und -bewußtsein hilft schließlich, eigene Entscheidungen und Initiativen beherzt durchzuführen, ohne sich von möglichen Umsetzungsschwierigkeiten abschrecken zu lassen. Auch wenn sich Arbeitsmißerfolge einstellen sollten, wird sich ein selbstbewußter Berufsanfänger von ihnen nicht entmutigen lassen – eine Qualität, die von Vorgesetzten sicherlich geschätzt wird und die sich auf diese Weise positiv auf die Karriereprogression auswirken sollte. Hier läßt sich an das nicht immer reibungslose Organisieren von Stiftungsfesten und ähnlichen „corpsstudentischen Großprojekten" denken.

„Altrokompetenzen"

Wie die Untersuchung darüber hinaus zeigte, verfügten die befragten Corpsstudenten zu Berufsbeginn über sechs weitere Kompetenzen. Es handelt sich dabei um die Handhabung von Gruppenprozessen, exakte Selbsteinschätzung, Durchhaltevermögen, verbale Ausdrucksfähigkeit, Integrations- und Anpassungsfähigkeit sowie Krisen- und Konfliktfähigkeit. Diese Kompetenzen lassen sich als „Altrokompetenzen" bezeichnen, um hervorzuheben, daß es sich hier um Kompetenzen handelt, die eine günstige Interaktion mit Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten erleichtern können.

Die Kompetenz des Handhabens von Gruppenprozessen sollte es dem Individuum erleichtern, den Verlauf von Gruppendynamiken zu verstehen und gezielt auf sie Einfluß zu nehmen. Hiermit kann nicht nur ein zielgerichtetes Arbeiten gefördert werden, sondern es erhöht sich die Wahrscheinlichkeit des bewußten Vermeidens von eventuellen Gruppenkonflikten. Jeder, der eine Charge ein Semester lang erfolgreich inne hatte, kann sich hierauf einen Reim machen.

Die exakte Selbsteinschätzung müßte dem Einzelnen helfen, seine eigene Rolle in der Gruppe treffend aufzufassen und zu verstehen, in welcher Weise er zum Arbeitserfolg oder zur Vermeidung eines Konfliktes beitragen kann. Auch hierbei hilft die Gruppenerfahrung während der Aktivenzeit.

Ein hohes Durchhaltevermögen sollte das Individuum dabei unterstützen, den aus dem Arbeitsumfeld entstehenden Streß gut zu bewältigen. Arbeitsdruckbedingte Überreaktionen sowie ein vorzeitiges Ermüden oder gar Aufgeben, würden die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitende Gruppe schwächen. Bei Personen, die über Durchhaltevermögen verfügen, sind solche Fehlreaktionen eher selten zu erwarten. Hier kann man sicherlich auf die Moral der Zweit- und Drittversuchler hinweisen, die ihre Aktivenzeit nicht nur in der Universitätsbibliothek verbracht haben.

Eine ausgeprägte verbale Ausdrucksfähigkeit ermöglicht es, daß die richtigen Informationen, zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Weise gegeben werden können. Insbesondere das Lösen komplexer Aufgaben, zu deren Bearbeitung Teams zusammengestellt sind, kann durch gute Kommunikationsfähigkeit der Teammitglieder erleichtert werden. Diesbezüglich läßt sich auf das häufige „Halten von Reden" der Corpsstudenten hinweisen. Diese sind dann Gegenstand von Kritik, wenn der Inhalt der Rede nicht seiner Form gerecht wird.

Die Integrations- und Anpassungsfähigkeit des Einzelnen in und an eine Gruppe sollte insofern einen bedeutenden Einfluß auf den Austausch mit den Kollegen haben, als situationsbedingt manchmal eine eher dominierende Rolle und manchmal ein eher zurückgenommenes Verhalten des Individuums für das Vorankommen der Gruppe wichtig ist. Wer über Integrations- und Anpassungsfähigkeit verfügt, kann bewußt sein Verhalten situationsbezogen steuern und auf diese Weise zu einer gelungenen Arbeitsbeziehung des Teams beitragen. An dieser Stelle kann auf solche Corpsburschen verwiesen werden, die stets ein der Situation angepaßtes Verhalten an den Tag legen, abhängig davon, ob sie sich im eigenen Corps bewegen, alleine zu Gast bei Verhältnissen sind, zu Besuch bei Alten Herren usw.

Krisen- und Konfliktfähigkeit schließlich stützt sich auf die Beherrschung der vorgenannten Kompetenzen. Sie trägt zu guten Austauschbeziehungen zwischen den Mitgliedern eines Teams bei, indem Krisen und Konflikte entweder vermieden oder rasch gelöst werden. Für die Teamarbeit ist dies entscheidend, für das Leben im Corpsverband eine Vorgabe, die der Corpsburschenconvent gegebenenfalls einzufordern weiß.

Umgang mit Streß

Alles in allem vermute ich, daß diese Kompetenzen jungen und berufstätigen Corpsstudenten besonders dabei helfen, beruflichen Streß leichter zu bewältigen, denn die Ergebnisse meiner Untersuchung scheinen nahezulegen, daß Corpsstudenten diese Fähigkeiten zum Berufseinstieg nicht erst noch erwerben müssen. Die mit dem Beginn des Berufslebens einhergehende Präsenz von Arbeitsanforderungen und der gleichzeitige Wunsch des Berufseinsteigers unter Beweis stellen zu können, daß er ein fähiger und kompetenter Mitarbeiter ist, führen

zwangsläufig zu Streß. So unterstreicht Frank Bournois in seinem Vorwort zu Serge Perrots Buch „Der Eintritt von jungen Diplomierten in Unternehmen" (L’entree dans l’Entreprise des Jeunes Diplömes, Economia, Paris 2001) die Wichtigkeit von Erfolg und Mißerfolg auf die Psyche des Berufseinsteigers. Bournois führt an, daß die psychologischen Kosten des Gefühls, versagt zu haben, bei einigen Berufseinsteigern bedeutend sein könnten und der „Prozeß des Versagens" nicht mehr umkehrbar sei. Das Wiederkehren von Schwierigkeiten wie von Erfolgen, verankere sich zu diesem Zeitpunkt auf besonders empfindliche Weise.

Aufgrund der von mir durchgeführten Untersuchungen vermutete ich, daß derjenige, der zu dem Zeitpunkt des Berufseinstieges bereits auf Kompetenzen zurückgreifen kann, die eine Interaktion mit den Kollegen und Vorgesetzten erleichtern und stabilisieren, Arbeitsschwierigkeiten schneller und souveräner in den Griff bekommt, als jemand, der diese Kompetenzen erst erlernen muß. Insofern ist das Vorhandensein von Altrokompetenzen bei Berufseinsteigern zu begrüßen.

Der Autor kann erreicht werden unter: gellrich(at)gmail.com

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