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Corpsstudenten und Politik

Von den WSC-Vorortsprechern Timm Gehrling Stauffiae, Alexander Gerhard Germaniae Hohenheim und Attila Dudas Stauffiae

 

Anläßlich des kürzlich gefaßten Beschlußantrags der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zu Nichtaufnahme/Ausschluß von Verbindungsstudenten in/aus der SPD (inzwischen vom SPDVorstand auf Mitglieder von Burschenschaften eingeschränkt, die rechtsradikales Gedankengut verbreiten) und der bevorstehenden Einweihung des wiedererrichteten Jung-Bismarck-Denkmals in Bad Kösen befaßt sich dieser Artikel mit zwei der bedeutendsten deutschen Politiker und Corpsstudenten.

 

 Als nach der Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse im Jahre 1848 das gesellschaftspolitische Leben in Deutschland aufkeimen konnte, Vereine und Parteien gegründet werden konnten, waren Corpsstudenten führend an der Gründung beinahe aller Politorganisationen und später der reichsweiten Parteien beteiligt – und zwar in allen Strömungen: bei den Kommunisten, den Sozialdemokraten, den Katholiken, den Liberalen und den Nationalkonservativen.

So war Karl Marx, Verfasser des Kommunistischen Manifests, Mitglied der Bonner Landsmannschaft der Treveraner, die sich später in Corps Palatia Bonn umbenannte.

Obwohl Wilhelm Liebknecht und Otto von Bismarck verschiedene politische Ansichten vertraten, vereinte sie doch die Tatsache, daß sie beide in einem Corps aktiv waren mehr, als man annehmen könnte. Sie waren geprägt von der Zeit in ihren Verbindungen und sie verinnerlichten für sich die corpsstudentischen Werte.

Obwohl sie gegensätzliche Charaktere waren, die sich in ihrem politischen Leben fast feindlich gegenüberstanden, hinderte sie diese Tatsache nicht daran, den Grundprinzipien des Corpsstudententums verpflichtet zu bleiben.

Wilhelm Liebknecht, geboren 1826 in Gießen, studierte von 1843 bis 1846 zuerst in seiner Heimatstadt Philologie und evangelische Theologie und dazwischen auch ein Semester Philosophie in Berlin. Im Herbst 1846 schrieb er sich für das Fach Philosophie an der Universität Marburg ein. Neben dem Studium absolvierte er zwei Handwerkerlehren: In Gießen lernte er Zimmermann, in Marburg Büchsenmacher. Dies, so nahm er an, würde ihm bei seiner zeitweilig aus politischen Gründen erwogenen Auswanderung nach Amerika helfen, sich dort zu behaupten. Mit dieser Erwägung stand Liebknecht in seiner Familie nicht allein. Schließlich war es jedoch lediglich sein Bruder Louis, der das Vorhaben 1851 mit seiner Auswanderung in die USA, wo er auf einer Farm in Michigan lebte, umsetzen sollte.

Als Student kam Wilhelm Liebknecht noch zur Zeit des Vormärz in Kontakt mit der studentischen Verbindungsbewegung, die sich für demokratische Rechte und die nationale Einigung des Deutschen Bundes in einem gesamtdeutschen Nationalstaat einsetzte. Viele der Corps und Burschenschaften entstanden zu dieser Zeit – in Folge der repressiven Karlsbader Beschlüsse von 1819 – aus der Illegalität heraus.

Dabei war Liebknecht eher von den frühsozialistischen Vorstellungen als von nationalstaatlichen Ideen beeinflußt, was ihn nicht davon abhielt, bei studentischen Corps aktiv zu werden. So wurde er 1846 in Gießen im Corps Rhenania aktiv. In Marburg wurde er am 12. Januar 1847 in das Corps Hasso-Nassovia aufgenommen. Danach war er auch an der Gründung eines nur kurzzeitig bestehenden Corps Rhenania in Marburg beteiligt.

Nachdem sich Liebknecht an revolutionären Bewegungen beteiligt hatte, mußte er für ein Jahr ins Exil nach London gehen, wo er regen Kontakt mit Marx und Engels hatte. Als er 1862 zurückkehrte trat er in den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) ein und gründete wenige Jahre später (1869) die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (SDAP). Liebknecht wurde einer der Führer der Partei und leitete die Herausgabe des Parteiorgans „Der Volksstaat“. Seit diesen Jahren war Liebknecht einer der schärfsten Kritiker des preußischen Königreichs und stand in einer tiefen Gegnerschaft zu Bismarck. 1874 wurde er in den Deutschen Reichstag gewählt. Hier war er maßgeblich an dem Zusammenschluß der SDAP und des ADAV zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) im Jahre 1875 beteiligt. Er wurde Redakteur des Parteiorgans „Vorwärts“ und später Chefredakteur. 1891 begründete Liebknecht das neue Parteiprogramm der SPD auf dem Erfurter Parteitag.

Im Gegensatz zu Bismarck lehnte Wilhelm Liebknecht die deutsche Reichsgründung auf den Trümmern des französischen Kaiserreichs entschieden ab. Er solidarisierte sich mit der Pariser Kommune und befürwortete weitere Kriegskredite für das Deutsche Reich nicht. Diese Einstellung brachte ihm in nationalkonservativen Kreisen den Ruf eines Vaterlandsverräters ein.

Als Gründungsvater und erster Kanzler des Deutschen Reichs ist Fürst Otto von Bismarck, geboren am 1. April 1815 in Schönhausen (Sachsen-Anhalt) in die Geschichte eingegangen. Nach dem Abschluß des humanistischen „Gymnasiums zum Grauen Kloster“ in Berlin studierte Otto von Bismarck Rechtswissenschaften an der Universität Göttingen. Er wurde aktiv im Corps Hannovera. Nach dem Examen war er an Gerichten und in Behörden tätig. Der Lebensweg Bismarcks, der aus bürgerlichem Hause kam, unterschied sich von dem Liebknechts in fast jeder Hinsicht.

Bismarck war maßgeblicher Wegbereiter des Sozialstaats und gab zur Lösung der drängenden sozialen Fragen zwei Antworten: Mit dem Sozialistengesetz wollte er einerseits die politischen Organisationen der Arbeiter unterdrücken, mit der Schaffung einer Sozialversicherung sollten andererseits die Arbeiter mit dem Staat versöhnt werden.

Bismarck erlangte bis in die heutige Zeit Berühmtheit, indem er von 1881 bis 1889 weitreichende Sozialgesetze zur Kranken-, Unfall-, Renten- und Invaliditätsversicherung durchsetzte. Liebknecht und Bismarck als große Persönlichkeiten der deutschen Geschichte haben nachhaltig den Staat und die Gesellschaft geprägt.

Die Idee und Zielsetzung der Corps bestand und besteht in der Charakter- und Persönlichkeitsbildung ihrer Mitglieder. Im Sinne des Idealismus sollten und sollen keine politischen Programme verfolgt, sondern der Charakter des Menschen ausgebildet werden.

Bereits in den ersten, frühen Definitionen des Corpsstudententums wird ausdrücklich betont, daß politische Betätigung keine Aufgabe der Corps sei. Bereits in den Anfangsjahren war es den Mitgliedern freigestellt, welche politische Überzeugung sie persönlich hegen. Diese Grundauffassung wirkt sich bis heute so aus, daß Corpsstudenten vielen verschiedenen politischen Richtungen und Parteien angehören, aber niemals entgegen der freiheitlich demokratischen Grundordnung unseres Staats agieren dürfen.

Das Toleranzprinzip ist also nicht eine – wie uns manche Kritiker vorwerfen – belanglose Floskel der Corps, sondern auch durch das Beispiel dieser zwei bedeutenden Persönlichkeiten der deutschen Geschichte belegt. Dies kann uns nur bestärken, unsere Corpsprinzipien auch wirklich zu leben.

Es ist erwünscht, es ist die Normalität, es ist so, daß wir sowohl wertvolle Mitglieder unserer Corps als auch einer freiheitlich verfaßten Gesellschaft darstellen. Daran werden wir gemessen und müssen uns messen lassen: nicht aber an der jeweiligen (partei-)politischen Orientierung des einzelnen.

 

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