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CORPS: Herr Dr. Wünnemann, Sie sind Direktor des Tiergartens Heidelberg. Warum brauchen wir im Zeitalter von Fernreisen, Safaris für (fast) Jedermann und fast täglich ausgestrahlten Fernseh-Reportagen über Tiere aus aller Welt noch Zoologische Gärten?
Dr. Klaus Wünnemann Normanniae Hannover: Den Tiergarten Heidelberg besuchen jährlich 400 000 Menschen, die deutschen Zoos haben mehr als 30 Millionen Besucher - diese Menschen können nicht alle in die Serengeti fahren, ohne das Ökosystem schwer zu schädigen. Viele haben auch nicht das Geld dazu. Kinder, Behinderte und ältere Menschen trauen sich Safaris in entlegene Gebiete oft nicht (mehr) zu. Zoologische Gärten sind für alle dar - auch die, die das Naturerlebnis - noch - nicht in den Mittelpunkt ihrer Freizeitplanung stellen. Fernsehsendungen können das Live-Erlebnis Zoo nicht ersetzen. Wir gehen ja auch noch ins Konzert, obwohl es phantastische Tonträger gibt. Das Fernsehen vermittelt oft ein falsches Bild von der Natur, weil der Film der Dramaturgie eines Drehbuchs folgen muss. Im Film dauert das Schlüpfen eines Kükens zwei Minuten, bei uns kann jedermann miterleben, dass es mehrere Stunden Schwerstarbeit für das Küken ist, aus dem Ei zu kommen.
CORPS: Im Tiergarten Heidelberg lebten Ende des Jahres 2001 exakt 1104 Tiere aus 248 Arten. Sind Sie auf die Zucht bestimmter Arten spezialisiert oder eher ein „Schaufenster der weltweiten Fauna"?
Wünnemann: Wir möchten unseren Besuchern einen repräsentativen Querschnitt durch die Fauna unserer Erde geben, die wir in fünf Themenbereichen anordnen: Naturtourismus, Leben vor unserer Haustür, Lebensraum Wasser, Der Stammbaum des Menschen und Tierhaltung - eine Geschichte von Mensch und Tier. Jeder Themenbereich wird eine Botschaft vermitteln, die nachdenklich machen soll und Handlungsmöglichkeiten aufzeigt. Durch unsere Zoobesucher können wir sehr viel für Natur-, Arten- und Tierschutz erreichen: Wir weisen auf umweltschonenden Tourismus hin, regen Besucher an, ihren Garten als Heim für Tiere von der Wildbiene bis zur Eidechse zu gestalten, mahnen den sparsamen Umgang mit Wasser an, thematisieren die drohende Ausrottung der Menschenaffen und erinnern an die Verantwortung, die jeder übernimmt, der ein Haustier hält. Ein derart konsequentes didaktisches Konzept ist-noch- einzigartig. Darüber hinaus haben wir zoologische Schwerpunkte zum Beispiel bei der Zucht von Eulen, für die wir die Taxon Advisory Group, die Spezialistengruppe des Europäischen Zooverbandes, leiten. Unser Vogelbestand zählt zu den besten der deutschen Zoos. Im vergangenen Jahr ist bei uns zum Beispiel ein junges Australisches Buschhuhn geschlüpft - das war der erste Zuchterfolg von einem Vertreter dieser ganzen Vogelfamilie in Europa seit 15 Jahren. Unsere Sumatratiger gehören zu den genetisch wertvollsten Zuchtpaaren in Europa. Wir sind weltweit der erfolgreichste Züchter von Goldkatzen und halten mit Roloway-Meerkatzen und Gürtelvaris zwei der bedrohtesten Primatenarten der Welt.
CORPS: Ein Tier in Gefangenschaft wurde im 19. Jahrhundert als eine Art lebendiger Bestandteil eines exotischen Panoramas gehalten. Ein bekanntes Beispiel dafür waren die Anfangsjahre von Hagenbeck in Hamburg. Wissen Zoodirektoren heute, wie Tiere wirklich wohnen wollen - gibt es eine Architektur für Tiere?
Wünnemann: Die Tierhaltung entwickelt sich mit unserem Wissen über die Tiere ständig weiter. Deshalb ist ein Zoo auch nie fertig. Auch die Bedürfnisse der Besucher verdienen Beachtung. Zooarchitekten haben in den vergangenen Jahren vielerorts gigantische Großprojekte gebaut, die den Erlebniswert des Zoobesuches wesentlich steigern ohne wirklich neue Ideen in die Tierhaltung einzubringen. An einigen Stellen - vor allem in den USA - kaschieren eindrucksvolle Kulissen eine nicht überzeugende Tierhaltung. Deshalb muss Zooarchitektur wieder verstärkt das Wohlbefinden der Tiere in den Mittelpunkt stellen. Wir Tiergärtner dürfen die Verantwortung nicht an die Architekten abgeben, sondern werden mit ihnen gemeinsam eine neue innovative Tierhaltung entwickeln. Die bei uns in den vergangenen Jahren mit begrenzten Mitteln erzielten Ergebnisse können sich sehen lassen. Unsere Affenhäuser zählen nach ihrem Umbau zu den modernsten Anlagen in Europa und werden noch durch vorbildliche Freianlagen ergänzt werden. Die neue Tigeranlage ist beinahe fertig. Sie wird aus einem Land schaftsgehege und einem „Tigerspielzimmer„ bestehen, in dem wir alle Möglichkeiten haben, die Tiere mit neuen Reizen, Spielgeräten und weiterem zu beschäftigen. Ähnliches gibt es bereits für Menschenaffen - bei den Großkatzen werden wir nun der Trendsetter sein.
CORPS: Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa konnten sich sehr viele Zoos in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nur noch mühsam finanzieren - mit teilweise schrecklichen Folgen für die Tiere, die vom Hungertod bedroht waren. Wie ist die Situation in diesen Ländern jetzt und gibt es eine Art Hilfsprogramm der „reichen Staaten' für solche „armen' Zoos? Wünnemann: Der Europäische Zooverband, die EAZA, betreibt ein schon seit vielen Jahren erfolgreiches Programm zur Unterstützung Zentral- und Osteuropäischer Zoos. Viele Probleme, die Anfang der neunziger Jahre aufgetreten sind, konnten gelöst werden. In der Tschechischen Republik zum Beispiel gibt es exzellente Zoos. Wir dürfen nicht vergessen, dass die engagierte Arbeit von Menschen - Tierpflegern, Handwerkern, Wissenschaftlern - die Qualität der Tierhaltung entscheidend beeinflussen. Zoos in Ländern mit geringen Löhnen können hier mit einem größeren Mitarbeiterstab durchaus Mängel in anderen Bereichen ausgleichen. Ansonsten würde ich mir bei manchem Zoo nicht nur in Osteuropa wünschen, dass er den Tierbestand seinen Möglichkeiten anpasst.
CORPS: Der Tiergarten Heidelberg koordiniert ein Projekt europäischer Zoos zur Bewahrung der Affen in Westafrika vor der Ausrottung. Das dortige große Regenwaldgebiet steht kurz vor der Zerstörung. Inzwischen verschwand der rote Colubusaffe als erste Affenart seit 300 Jahren von unserem Planeten. Was tun Sie konkret?
Wünnemann: Wir sind noch am Anfang unserer Arbeit. Mit der Regierung von Ghana haben wir ein Abkommen zum Schutz der Tiere unterzeichnet. Wir unterstützen Feldforscher die untersuchen, wo noch überlebensfähige Populationen der bedrohten Affenarten vorkommen. Wir helfen dem Zoo Accra seine Affenhaltung zu verbessern, finanzieren Informationsmaterial über die Notwendigkeit des Natur- und Artenschutzes und werden für ein oder zwei der wenigen verbliebenen intakten Waldgebiete Wildhüter bezahlen und fortbilden. In Ghana haben Holzeinschlag und Wilderei zum Zusammenbruch der Wildtierbestände geführt. Auf den Schneisen der Holzfäller rücken die Wilderer in die Wälder vor, die Wege sind gepflastert mit Schrot patronen und Schlingen. Mit ihrer Beute fahren die Wilderer - oft auf den LKW, die das Holz abtransportieren - in die großen Städte und verkaufen das Wildfleisch - „bushmeat" genannt - teuer. Wir können nur dauerhaft Erfolge erzielen, wenn wir mit der Bevölkerung zusammenarbeiten, und die muss von dem Naturschutz auch einen Nutzen haben. Langfristig wollen wir in Ghana einen sanften Naturtourismus entwikkeln, der den Menschen die Chance gibt, in Hotels, durch den Verkauf von Kunsthandwerk oder als kundige Naturführer ein sichereres Einkommen zu erzielen als durch Wilderei.
CORPS: Eine gewagte Frage zum Schluss: Die Corps zeichnen sich - wie jede menschliche Gesellschaft - durch ein geordnetes Zusammenleben aus. Wer sich zum Beispiel bei Veranstaltungen schlecht benimmt, kann bestraft werden. Gibt es solch ein Sanktionssystem bei Tieren auch?
Wünnemann: Alle sozial lebenden Tiere leben nach festen Regeln. Verstöße gegen diese Regeln erzeugen Reaktionen, die oft viel subtiler sind, als dies noch vor zwanzig Jahren bekannt war. Es geht im Tierreich durchaus nicht immer streng hierarchisch zu. So kann selbst das stärkste Gruppenmitglied Probleme bekommen, wenn es gegen das Gruppeninteresse handelt. Da ist durchaus eine Parallele zu unseren Corps erkennbar, wo die Ge meinschaft über die Individualität gestellt wird.
Die Fragen stellte Michael Schur Cherusciae, Joanneae |