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Der KSCV und die baltischen Corps
In den neuen EU-Staaten Lettland und Estland existiert ein umfangreiches studentisches Korporationswesen, das dem Wesen der Kösener und Weinheimer Corps nicht nur sehr ähnlich, sondern ihm fast identisch ist. Nachdem die beiden Staaten ihre Unabhängigkeit 1989 von der Sowjetunion wiedererlangt haben, ist diese studentische Kultur nach fünfzigjähriger Unterdrückung wieder aufgeblüht. Heute gibt es studentische Verbindungen an den lettischen Hochschulen in Riga und Jelgava (fr. Mitau), wie auch an denen in Estland in Tallin (fr. Reval) und Tartu (fr. Dorpat). Allein Riga zählt mehr als 32 Verbindungen, zu denen allerdings auch sechs Frauenverbindungen (Sororitates) zählen, die wie ihre männlichen Pendants strukturiert sind und ebenfalls Bänder und Mützen tragen.
Von Wilm Hornung V Holsatiae, Saxoniae Leipzig und Veit Sahlfeld Budissae, Sueviae Heidelberg (KSCV-Vorortsprecher)
Nachdem schon mehrere Corpsstudenten aus dem Baltikum in Göttingen, Kiel und Leipzig studiert haben und studieren, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis der Corpsverbände zu den lettischen und estnischen Verbindungen. Bereits vor dem zweiten Weltkrieg soll es eine Art „Kartell-Vertrag" (oder ein Vorstellungsverhältnis) des KSCV speziell mit dem Chargierten-Convent in Riga gegeben haben. Ob der Vertrag auch schon für die lettischen, russischen und polnischen Korporationen gegolten hat, ist fraglich, auf jeden Fall aber für die deutschsprachigen Corps. In den vergangenen Jahren hat es zahlreiche neue Begegnungen und Kontakte von Kösener Corps mit baltischen Corps gegeben: So war etwa der damalige VAC-Vorsitzende Gerhard Daniel Palaiomarchia-Masoviae, Palaiomarchiae EM auf dem Gesamtbaltischen Völker-Kongreß (GbVK) in Tartu (fr. Dorpat) 2003 eingeladen und hat in seiner Rede baltische Corpsstudenten zum Studium an deutschen Universitäten ermuntert. Wolf-Gerhard Ansohn, der in Riga gebürtige Philisterverbands-Präses des Corps Concordia Rigensis und andere, haben im Jahr 2002 die „Brücke zum Baltikum e. V." als Förderverein für estnische und lettische Studenten in Deutschland gegründet. Zum Vorortübergabekommers in Münster im November 2003 war eine Abordnung der Selonia Riga eingeladen und der damalige Vorortsprecher des KSCV Jan Böttcher Baltica-Borussiae, Rheno-Guestphaliae war mit zehn weiteren Kösener Corpsstudenten zum GbVK 2004 in Riga eingeladen (Ein Reisebericht wird in der nächsten Ausgabe von CORPS erscheinen). Der Vorsitzende der Verbändekommission des KSCV HansWerner Kaller der Hellas, des Erz hatte im Frühjahr 2004 auf Einladung den ChargiertenConvent in Riga besucht und kurz vor seinem plötzlichen Tod im November 2004 den Vertragsentwurf zum Abschluß eines Vorstellungsverhältnisses des KSCV mit dem Corps Selonia Riga fertiggestellt. Die Selonia hat auf ihrem Convent in Riga am 7. Februar 2005 den Passus in ihre Konstitution aufgenommen, daß ein weiteres Band nur in Deutschland bei einem Kösener Corps aufgenommen werden kann. Heute, unter dem gemeinsamen Dach von NATO und vereintem Europa, wäre ein Vorstellungsverhältnis mit den lettischen und estnischen Corps wünschenswert, sind diese den deutschen Corps doch viel näher verwandt als zum Beispiel holländische, die meisten belgischen – mit Ausnahme des Corps Flaminea Leuven – und fast alle US-amerikanischen Verbindungen/Fraternities (Ausnahme: der suspendierte Clevelander SC). Daher bereitet der SC zu Passau als Vorort im KSCV für den oKC 2005 eine Behandlung dieses Themas vor. Zielsetzung ist der Abschluß eines Vorstellungsverhältnisses des KSCV zunächst mit dem Corps Selonia. Zur Geschichte: Die „typisch deutsche Sitte" der Gründung von Korporationen/Corps gibt es auch deshalb, weil Dorpat und Riga ursprünglich rein deutsche Hochschulen waren, die erst von 1892 an zusätzlich Russisch als Unterrichtssprache aufnehmen mußten. Seit 1857 wurden dann auch von Letten, Esten, Russen und Polen Korporationen der gleichen Geisteshaltung gegründet, die seit der Jahrhundertwende an beiden Studienorten im jeweiligen ChargiertenConvent (C!C!) ihr Verhältnis untereinander regelten - vergleichbar dem KSCV und dem WSC. Nachdem Riga 1919 Vollund Landesuniversität Lettlands und Dorpat (jetzt Tartu) diejenige Estlands geworden war, blühten in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das lettische und estnische Korporationswesen regelrecht auf und es wurden zahlreiche weitere Verbindungen gegründet. Der zweite Weltkrieg mit der Annektierung des Baltikums durch die Sowjetunion bereitete dem jedoch ein jähes Ende. Vielen Hochschullehrern und Korporierten gelang die Flucht, und im Exil in Australien, den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada gründeten sie Hochschulen neu und rekonstituierten ihre Verbindungen, die bis heute noch als „ZweigConvente", zum Beispiel in Toronto und Sidney aktiv bestehen. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit konnten die Korporationen so – auch mit Hilfe deutschbaltischer Verbindungen – in ihrer alten Heimat schnell wieder rekonstituieren. Übrigens bestanden schon früher Beziehungen des KSCV und WSC zu deutschbaltischen Corps: Vor dem zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland zeitweilig vier baltische Corps, die den örtlichen AHSC assoziiert waren: Curonia Jena, Rubonia München, Curonia Berlin sowie in Danzig die Baltica. Nach 1945 gründeten oder rekonstituierten emigrierte Philister in Deutschland wieder baltische Corps, und heute zählen wir vier in Deutschland, von denen zwei dem KSCV und eines dem WSC als Mitglieder angehören. Unter dem Dach des Baltischen Philister-Verbandes (BPhV) sind deutschbaltische, lettische, estnische, russische und polnische Korporationen – schlagend und nichtschlagend sowie auch die Sororitates – vereinigt. Der GbVK als Zusammenkunft des BPhV wird jährlich veranstaltet, wobei der Veranstaltungsort im Turnus wechselt zwischen Deutschland, Lettland und Estland, und innerhalb Deutschlands zwischen den Orten, an denen die baltischen Corps ansässig sind: Göttingen, Hamburg und München. |