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Fortsetzung aus CORPS 1/2002
Von Oliver Fink
Vieles kommt Karl Heinruch verändert vor: Das zuvor fröhliche Treiben der studentischen Korporationen erscheint nun als steifes, ja militärisches Zeremoniell. Nur eine ist gleich geblieben: Käthie. Zusammen suchen die beiden noch einmal jene Wiese auf, die einst Bühne ihres gemeinsamen Glücks war. Aber Blumen blühen da keine mehr.
Neben dem allseits gelüpften Zylinder, Inbegriff bürgerlicher Kopfbedeckung und Gegenbild zur studentischen Mütze, sind es zum Beispiel Kutschenfahrten, die dem Zuschauer etwas zu sagen haben. Zu Beginn des Films bringt eine Droschke den Prinz in Begleitung seines Vormunds in die ungeliebte Residenz, am Ende sitzt dann Ilse von Altenburg neben ihm - die Zwangsgattin des neuen Königs. Eine Kutschenfahrt mit Käthie dagegen entpuppt sich als nicht verwirklichter Wunschtraum Karl Heinrichs zu einem Zeitpunkt, als sich das Rad seiner Geschichte schon kaum mehr zurückdrehen lässt.
Von seinen Altersgenossen wird der junge Prinz, der viel lieber mit diesen spielen würde, nur bestaunt und verehrt: „Es muss wunderbar sein, ein Prinz zu sein", heißt der zweimal eingeblendete Zwischentitel. „Es muss wunderbar sein, ein König zu sein", heißt es am Schluss, als ein altes Paar den Hochzeitszug Karl Heinrichs begeistert beobachtet. Spätestens hier weiß das Kinopublikum freilich besser Bescheid: Ein trauriges Schicksal, das den meisten professionellen Kritikern bei der Bewertung dieser „Tragödie des ungelebten Lebens" (Renk) allerdings Schwierigkeiten bereitete. Viele sahen in der (wenn auch schmerzlichen) Fügung nur eine Zementierung unmenschlicher Zustände: Staatsräson über privates Liebesglück. „Selber schuld!" schienen diese dem armen Prinzen zuzurufen. Der prominente Filmtheoretiker Bela Balasz dagegen meinte: Enthüllt werde die „Fürstenherrschaft als unerträgliches Unglück", der hier ein „fühlender und anständiger Mensch" gar aus den eigenen Reihen zum Opfer falle. Tatsächlich lassen Lubitschs Bilder eher Mitleid mit Karl Heinrich und Zweifel am System aufkommen. Mangelnde Widerstandskraft wäre ein zu primitiver Vorwurf an die Hauptfigur, der auch dem historischen Milieu nicht gerecht würde.
Gedreht wurde der gerade wegen seiner Massenszenen aufwendige Film auf dem großen MGM-Gelände in Culver City, für die Außenaufnahmen fand man an den Ufern des Las Turas Lac eine kalifornische Landschaft, die dem Neckartal durchaus nahekommt. Der „kalte Prunk" der Residenz Karlsburg und die in Heidelberg spielenden Studentenszenen bereiteten dem Ausstatter Ali Hubert weniger Probleme als die „bürgerliche Atmosphäre der Zeit von 1890 und 1900", die er „in bezug auf Kleidung, Interieur und Hausrat" als „eine der geschmacklich tiefststehendsten" empfand. Im „Hollywood-Bilderbuch" (1927) des österreichischen Journalisten Arnold Höllriegel, der den Dreharbeiten beiwohnte, lässt sich nachlesen, welch zähe Arbeit vonnöten war, ehe sich die charakteristische Leichtigkeit der Lubitsch-Filme einstellte.
Die Auswahl der Schauspieler für die wichtigsten Rollen - heißt es - sei weitgehend ohne Mitwirkung des Regisseurs erfolgt, was Lubitsch während der Dreharbeiten zu ein paar Frotzeleien insbesondere gegenüber der Darstellerin der Käthie verleitet haben soll. Zu den vermeintlich bitteren Pillen, die er schlucken musste, gehörte MGM-Star Ramon Novarro, der gerade in Fred Niblos filmischem Monu-mentalepos „Ben Hur" den guten Menschen und berühmten Wagenlenker gemimt hatte, sowie die Thalberg-Mätresse Norma Shearer - vom Produktionschef sogleich nach der New Yorker Premiere des „Student Prince" im September 1927 geehelicht. Aus heutiger Sicht jedoch ist kaum etwas einzuwenden gegen die offenbar nicht ganz sauber zustande gekommene Besetzung.
Der Mexikaner Ramon Novarro stand zunächst im Schatten Rudolph Valentinos, der Anfang der zwanziger Jahre zum Prototyp des „latin lover" aufstieg, nach dem das zu dieser Zeit tangoselige Publikum geradezu gierte. Doch konnte Novarro aus diesem Schatten treten und ein eigenes Profil entwickeln. Wie sehr das Image des „latin-lover" ihm dennoch anhaftete, lässt sich an einer Frage der „New York Times" ablesen, ob denn Novarro im „Student Prince" für das deutsche Studentenmilieu nicht vielleicht ein wenig zu südländisch wirke. Allein die großzügig verwendete Schminke lässt diese Frage allerdings heute unverständlich erscheinen.
Ramon Novarro machte seine Rolle als Prinz KarlHeinrich ebenso gut wie Norma Shearer als Kdthie - Natürlichkeit vermittelnd und im Minenspiel äußerst vielseitig. Jean Hersholt, der den Dr. Jüttner mimte, war die Rolle des humanen Prinzenerziehers wie auf den Leib geschnitten, was man sogar wörtlich nehmen kann: Seit 1936 wird alljährlich ein nach ihm benannter Oscar - der „Jean Hersholt Humanitarian Award" - an jene aus der Filmbranche verliehen, die sich durch ein besonderes humanitäres Engagement hervorgetan haben. Mit treuherzigem Blick gewinnt er im „Student Prince" sofort das Vertrauen des noch jungen Prinzen, der im ersten Abschnitt des Films von Kinderstar Philippe de Lacy dargestellt wird.
Im März 1927 waren die Aufnahmen abgeschlossen und eine Rohfassung im Kasten. Zwei Monate später befindet sich Lubitsch auf Europareise. In Berlin steigt er im Hotel Adlon ab und wird im Kreise alter Schauspielerkollegen gefeiert. Auch in Heidelberg taucht er auf und fertigt noch einige Nachaufnahmen an, die jedoch keine Verwendung mehr finden.
Und was eigentlich hielt Meyer-Förster von der Verfilmung? Während der Regisseur auf seiner Tour durch Deutschland die Werbetrommel für den zirka vier Millionen Mark teuren Film rührte, wandte sich der Autor des Theaterstücks verschnupft an die Presse: Lubitsch habe bei ihm weder die Erlaubnis für diesen Film eingeholt, noch das Drehbuch zur Begutachtung geschickt, geschweige denn hätten die Produzenten ihn als Urheber entsprechend honoriert. Das erscheine ihm charakteristisch „für die Art, in der die Autoren fast schutzlos dem selbstherrlichen Vorgehen der großen Filmkonzerne ausgeliefert" seien.
In der Tat, so geht es natürlich nicht. Und dennoch: Ein wenig dankbarer hätte Meyer-Förster dem „Mann mit der Zigarre" (Fran~ois Truffaut) schon sein müssen. Indem Lubitsch den Kitsch nicht zelebrierte, sondern mit kühler Präzision die Sentimentalität des Stoffs in Schach hielt, konnte er immerhin einige der schärfsten „Alt-Heidelberg"-Kritiker etwas milder stimmen. Und das kann doch dem Autor eines der meistgeschmähten Theaterstücke seiner Zeit nicht gleichgültig gewesen sein. |