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Inverview mit Dieter Berg Rhenaniae Heidelberg, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch StiftungDie Förderung des Gemeinwohls ist unsere oberste PflichtCORPS: Die 1964 begründete Robert Bosch Stiftung ist eine der größten unternehmensverbundenen Stiftungen in Deutschland. Von 1964 bis 2004 stellte die in Stuttgart beheimatete Stiftung insgesamt 680 Millionen Euro für Fördervorhaben bereit; davon allein im Jahr 2004 über 49 Millionen Euro. Welches sind die Aufgaben der Stiftung? Woher kommt das Geld, das die Stiftung für diese Aufgaben ausgibt?
Unsere satzungsmäßigen Zwecke sind so weit gefaßt, daß wir auf nahezu allen Gebieten des Lebens tätig werden könnten. Da wir uns nicht verzetteln wollen, haben wir Schwerpunkte gebildet, auf die wir das Hauptgewicht unserer Förderung konzentrieren. In den beiden Programmbereichen, die sich mit Völkerverständigung befassen, sind das zum Beispiel die Beziehungen zu Frankreich, den USA, der Türkei, Polen und den anderen Ländern Mittel- und Osteuropas. Überhaupt geben wir das meiste Geld für Völkerverständigung aus, gefolgt vom Bereich Gesundheit einschließlich Krankenhaus und Institute. Unser Geld stammt aus den Dividenden der Robert Bosch GmbH. 1964 haben die Erben von Robert Bosch den größten Teil ihrer ererbten Anteile am Unternehmen auf die Stiftung übertragen. Heute besitzt die Stiftung 92 Prozent nicht stimmberechtigte Geschäftsanteile der Robert Bosch GmbH, die Familie ist mit acht Prozent beteiligt. Wir konzentrieren uns also auf das gemeinnützige Vermächtnis von Robert Bosch – sein unternehmerisches Vermächtnis hilft uns dabei. CORPS: Die Robert Bosch Stiftung hat für ihr Handeln Grundsätze wie zum Beispiel die Förderung des Gemeinwohls und die Entwicklung der Bürgergesellschaft aufgestellt. Wie finden sich diese Grundsätze in ihrem Engagement wieder? Dieter Berg: Die Förderung des Gemeinwohls ist sozusagen oberste Pflicht. Dies entspricht zum einen dem Willen von Robert Bosch, der schon 1935 festgelegt hat, daß auch nach seinem Tod die Erträge des Unternehmens im wesentlichen gemeinnützigen Zwecken zugeführt werden sollten. Was ihm dabei vorschwebte, hat er sehr prägnant und eindrucksvoll formuliert: „Meine Absicht geht dahin, neben der Linderung von allerhand Not, auf die Hebung der sittlichen, gesundheitlichen und geistigen Kräfte des Volkes hinzuwirken." Zum anderen ist die Stiftung steuerrechtlich als gemeinnützig anerkannt. Wir müssen also stets darauf achten, daß wir unsere Mittel nur im Sinne des Gemeinwohls ausgeben. Der Aspekt der Entwicklung der Bürgergesellschaft ist für die Umsetzung unserer Ziele von großer Wichtigkeit. Wir setzen in unseren Programmen und Projekten in erster Linie auf Menschen, darauf, daß sie unsere Ideen und Vorstellungen aufgreifen und umsetzen und auch noch dann weitertragen, wenn wir uns aus der Finanzierung zurückziehen. Wenn Sie so wollen, ist unser Hauptinstrumentarium das „Investment in Köpfe". Damit läßt sich auch am sichersten Nachhaltigkeit erreichen. CORPS: Die Mittel der Robert Bosch Stiftung werden für Schwerpunkte und Programme eingesetzt, die wichtige gesellschaftliche Fragen aufgreifen. Unterstützen Sie ausschließlich eigene Programme oder arbeiten Sie zum Beispiel im Rahmen von „public private partnership" auch mit staatlichen Institutionen zusammen? Dieter Berg: Die Robert Bosch Stiftung ist sowohl operativ – das heißt in Form von Eigenprogrammen und Eigenprojekten – als auch fördernd tätig. Etwa zwei Drittel unserer Fördermittel fließen in eigene Programme und Projekte, ein Drittel verwenden wir zur finanziellen Unterstützung von Fremdprojekten. Diese Verteilung hat sich seit vielen Jahren so eingespielt, ohne daß es dazu Vorgaben gäbe. Bei Fremdprojekten ist vor allen Dingen wichtig, daß sie zu den Themen passen, mit denen wir uns schwerpunktmäßig befassen, daß es um die Verwirklichung neuartiger Ideen geht und daß wir von der Relevanz des Themas und der Art der Umsetzung überzeugt sind. Teilweise drängen wir auch auf inhaltliche Veränderungen von Vorhaben, bevor wir uns zu einer Unterstützung entschließen, und lassen dabei eigene Erfahrungen und Kenntnisse einfließen. Beispiele für Gemeinschaftsprojekte mit privaten wie mit öffentlichen Partnern gibt es viele. Die von uns initiierte Internationale Balkankommission unter der Leitung des früheren italienischen Ministerpräsidenten Giuliano Amato, die in diesen Tagen ihren Bericht der Öffentlichkeit und den Regierungen in Europa und den USA vorstellen wird, wird neben uns vom German Marshall Fund of the United States, der King Baudouin Foundation und der Charles Stewart Mott Foundation getragen. Als Beispiel für eine „public private partnership" nenne ich die von uns mit der Bundesregierung und dem Ostausschuß der deutschen Wirtschaft gegründete Stiftung „Deutsch-Russischer Jugendaustausch". CORPS: Ein Schwerpunkt der Förderung ist „Wissenschaft in der Gesellschaft". Als Grund wird genannt, daß Natur- und Ingenieurwissenschaften keine beliebten Fächer an deutschen Schulen und Hochschulen und die Geisteswissenschaften zwar nach wie vor populäre Studienfächer seien, ihre gesellschaftliche Bedeutung in der öffentlichen Diskussion aber nur noch am Rande wahrgenommen werde. Wie will die Stiftung diesen Zustand überwinden helfen? Dieter Berg: Wir haben vor einigen Jahren das Programm „NatWorking – Naturwissenschaften und Technik: Schüler, Lehrer und Wissenschaftler vernetzen sich" ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Programms führen wir zunächst Lehrer und Wissenschaftler zusammen, die gemeinsam Projekte entwickeln, mit denen Schüler für naturwissenschaftliche und technische Fächer gewonnen werden können. Das sind dann zum Beispiel Schüler- und Lehrerpraktika in Labors, Sommerschulen, Schülerkongresse oder spielerische Praxisprojekte. Die dafür notwendigen Kosten werden von uns teilweise übernommen. Außerdem gibt es im Rahmen eines jährlichen NatWorking-Symposiums eine Prämierung der besten Projekte. Vor zwei Jahren haben wir ein ähnliches Programm zur Förderung der Geisteswissenschaften aufgelegt. CORPS: Mit dem Schwerpunkt „Jugend, Bildung, Bürgergesellschaft" sollen Ehrenamt und Freiwilligkeit ermutigt und gestärkt werden. Sie setzen zum Beispiel darauf, daß die Bürger in ihrem Umfeld Verantwortung für sich und andere übernehmen sollen. Ein Beitrag zur Festigung der Demokratie in unserem Land? Dieter Berg: Das Verständnis des Verhältnisses der Bürger zum Staat hat sich in den vergangenen einhundert Jahren in Deutschland ja schon erfreulich entwickelt. Aber wir dürfen bei dem bisher Erreichten nicht haltmachen. In der Bundesrepublik hat sich in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren eine Anspruchs- und Erwartungshaltung gegenüber dem Staat breitgemacht. Dabei wurde und wird allzuoft und allzugern übersehen, daß wir alle selbst den Staat bilden und er nur das leisten kann, wozu wir ihn in die Lage versetzen. Wir haben also die Wahl, noch mehr Steuern und Abgaben zu bezahlen und die Durchführung der Aufgaben der staatlichen Bürokratie zu überlassen oder die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und auch selbst zu gestalten. Ich bin überzeugt, daß sich vieles auf kommunaler Ebene unter aktiver Mitwirkung der Bürger besser und schneller lösen läßt, als wenn man darauf wartet, daß Lösungen in Berlin oder Brüssel gefunden werden. CORPS: Der Stifter Robert Bosch (1861 – 1942) sagte 1940: „Immer soll nach Verbesserung des bestehenden Zustands gestrebt werden, keiner soll mit dem Erreichten sich zufriedengeben, sondern stets danach trachten, seine Sache noch besser zu machen." Wenn dies auch Auftrag und Programm für die Robert Bosch Stiftung ist - welches sind ihre zukünftigen Projekte? Dieter Berg: Diese Einstellung von Robert Bosch macht sich selbstverständlich auch die Stiftung zu eigen. In den nächsten Jahren werden wir uns zum Beispiel intensiv mit den Herausforderungen des demographischen Wandels befassen und zwar aus dem Blickwinkel der Familie im Sinne einer Verbesserung der Bedingungen zugunsten von Kindern. Aber ebenso beschäftigen uns die Fragen, die sich aus der Überalterung der Gesellschaft ergeben. Ein weiteres wichtiges Feld wird Migration und Integration sein. Im Bereich der frühkindlichen Bildung ist es höchste Zeit, für eine Professionalisierung der Erzieherinnenausbildung Sorge zu tragen. Wir greifen dieses Thema auf. Und schließlich gibt uns der Zustand der deutsch-amerikanischen Beziehungen allen Anlaß, weiter in Richtung auf eine Verbesserung und Stabilisierung zu arbeiten. Unser Congress-Bundestag-Forum, das wir zusammen mit dem German Marshall Fund begonnen haben und bei dem wir junge deutsche und amerikanische Abgeordnete zusammenbringen, soll dazu dienen, eine neue Generation von „Transatlantikern" heranwachsen zu lassen. Daneben sind viele unserer teilweise schon lange laufenden Programme immer noch hochaktuell und werden fortgeführt. Der Robert Bosch Stiftung wird auch in den nächsten 40 Jahren ihres Bestehens die Arbeit sicherlich nicht ausgehen. Die Fragen stellte Michael Schur Cherusciae, Joanneae |