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Die Universität im Wandel / Schluß

Von Professor Dr. Herrmann Rink Hassiae Gießen zu Mainz, Gothiae

 

Fortsetzung von CORPS 1 / 2003

 

Nützlichkeitserwägungen gewinnen die Oberhand, das ist vorauszusehen. Problemorientierung, Flexibilität, Transparenz und Anwendungsbezogenheit heißen die Schlagworte. Dazu kommt, daß, was wir Evaluation nennen; wobei die Güte der Ausbildung, der Professoren, der Studenten, der Laborausstattung und der Bibliotheken sowie der Grad der Vernetzung, die Summe der Preisträger, die Summe der Patente und der Publikationen bewertet werden, um Vergleiche zu ziehen, um Ansporn zu geben und um Druck auszuüben. Ranking - Konkurrenz - Leistungsprinzip - Honorierung. Mit anderen Worten, das Ranking der Universitäten, das vor wenigen Jahren noch wie ein Scherz aussah und durch die bundesdeutschen Magazine ging, wird bitterer Ernst werden. Um gute Professoren wird gefeilscht werden wie um Fußballstars. Die Universität wird so aber auch zum Spielball der jeweiligen Tageseinflüsse, der jeweils obwaltenden politischen und wirtschaftlichen Kräfte.

 

Zur Evaluation einer Universität gehören nolens volens auch die Studenten. Maßgebliche, Güte bestimmende Faktoren sind deren Motivation, Begabung und Vorbildung. Die Vorbildung ist minimal (siehe Tests), eine Zusammenarbeit mit den Sekundarschulen wäre hier dringend erforderlich. Dies verweigert allerdings die KMK mit weltanschaulichen und parteipolitisch gefärbten Argumenten.

 

Teamarbeit ist in den allermeisten Fällen von Forschung heute unverzichtbar und unabdingbar. Gleiches gilt übrigens für jede Entwicklungsarbeit in der Industrie und der Wirtschaft, wobei hinzu kommt, daß die höchste Effizienz erzielt wird, wenn ein Team für sechs Monate bis maximal zwei Jahre zusammen arbeitet. Das heißt, ein Gleichstand an Sachkompetenz und Kommunikationskompetenz muss genauso gegeben sein wie ein Bleiben am gleichen Ort und eine Gleichheit in der Zeit und im Lebensrhythmus.

 

Noch wichtiger aber wird es sein, daß sich diese Personen auf eine gemeinsame, anerkannte Wertebasis beziehen können. Trotz aller geforderten Dynamik und Transparenz, trotz der geforderten Selektion in die (vorübergehende) Spezialisierung der Aufgaben, wird es zu einer Konzentration der besten Kräfte führen.

 

Heute läuft die technologische Entwicklung viel schneller als die offenbar konstante Anpassungsfähigkeit des Menschen. Ein Ausgleich wird gesucht, der Mensch begibt sich wieder einmal auf die Suche nach der Sinnhaftigkeit des Lebens. Spiritualität in der Religion, in Kultur, Kunst Geschichte und in der Heimat werden wieder einen besonderen Stellenwert bekommen. Hauptvertreter dieser Richtung ist der Wirtschaftswissenschaftler Naisbitt, der mit seinen Werken "Megatrends 2000 - Global Paradox" und "High Tech - High Touch" hervorgetreten ist. Offensichtlich steht die Menschheit vor einer dritten Herausforderung. Galilei brachte die erste, als er die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums verbannte. Darwin die zweite, als er den Menschen aus dem Mittelpunkt der göttlichen Schöpfung verbannte. Heute stellt sich die Frage, ob nach den Erkenntnissen und den Anwendungen der Molekularbiologie und der Gentechnologie "der Mensch ein Geschöpf Gottes bleiben wird oder ein Geschöpf des Menschen werden wird".

 

Unser Lebensrhythmus ist seit dem Aufkommen der Maschine deutlich beschleunigt worden. Dies wirkt sich auf den Beruf der Zukunft aus. Es wird kaum mehr einen Akademiker geben, der 40 Jahre lang in der gleichen Tätigkeit bleiben wird, wie er sie mit seinem Hochschulabgang getroffen hat. Das heißt Flexibilität (innerlich wie äußerlich) und Mobilität. Die Anpassung an neue sachliche, örtliche und personelle Gegebenheiten wird zum ständigen Repertoire gehören.

 

Die Universitäten zeichnen sich immer aus durch stetige Balance zwischen Kontinuität und Wandel, zwischen Form und Inhalt, zwischen Ideal und Realität. Eine übertriebene Ziel- und Orientierungslosigkeit findet heute aber ihre Förderung auf verschiedenen Wegen:

  1. Alle müssen Zugang zur Universität haben, den weniger Privilegierten muß entgegengekommen werden (Sprache, Ausdruck, Allgemeinbildung Wertebewußtsein und Lebenseinstellung), meist durch Verdrängung, Negierung und Senkung des Niveaus.
  2. Abiturienten haben auf dem Arbeitsmarkt bereits keine Chancen, ihnen droht die Arbeitslosigkeit, sie weichen aus auf die Universität (BaFöG macht es möglich).
  3. Das System soll im Sinne von (Berufs-)Ausbildung durchgängiger werden. Das heißt, wieder einmal Straffung der Studienpläne, Kürzung der Studienzeiten, mehr und frühere Selektion und als auffallende Neuigkeiten die Einführung der Titel eines Bachelors und eines Masters. Dabei soll der Bachelor eine wissenschaftliche Ausbildung mit Berufsqualifikation beinhalten. Der Master soll darauf gesetzt werden.
  4. Die Habilitation, das Qualifikationsverfahren zum Hochschullehrer, wird entwertet oder abgeschafft. Schon heute kann "kumulativ" habilitiert werden und andere Qualifikationen müssen berücksichtigt werden.
  5. Akkreditierung neuer Studiengänge (Staat, Hochschule, Wirtschaft, Gewerkschaft, Studierende) Qualität und Bedarf, Input und Output sollen geprüft werden.
  6. Die Besoldung des Hochschullehrers soll nach Leistung erfolgen. Neben einem (verminderten) Grundgehalt, soll es persönlich zu erwerbende Zuschläge geben für Besonderheiten in Lehre, Ausbildung, Organisation und Forschung. Werbung um gute Studenten für den eigenen Lehrstuhl. Mehr Flexibilität wird gefordert (Alter/Leistung). Der Beamtenstatus des Hochschullehrers ist in Frage gestellt.
  7. Die Universität, die Fakultät, die Institute, Seminare, Kliniken, die einzelnen Professoren unterliegen einer Evaluierung nach bestimmten Kriterien, die in erster Linie messbare, zählbare Erfolge bewerten. (Zahl der Doktoranden/Diplomanden im Verhältnis zu den Studierenden, Zahl der Publikationen, der eingeworbenen Preise, der Patente, der eingeworbenen Drittmittel, Güte der Vorlesung und sonstigen Studienangebote, Bewertung durch die Studenten). Dabei herrscht der Grundsatz, wer gut ist, bekommt noch mehr. Wer nichts zu bieten hat, bleibt draussen. Schlechte Chancen für Anfänger und Einsteiger.

Die alte Idee der deutschen Universitäten lautete: Bildungsaufgabe. Selbständigkeit des Denkens und Urteilens. Umsetzen in die berufliche Praxis des Arztes, des Apothekers, des Rechtsanwaltes, des Staatsanwaltes, des Regierungsbeamten, des Naturwissenschaftlers und des Wirtschaftsführers.

 

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