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Ohne Ansehen von Rang und Namen



Zukünftige Elite? Studenten bei einer Erstsemesterveranstaltung an der Universität Heidelberg.

von Philipp Fabry Hassiae Giessen zu Mainz, Thuringiae Jena

 

Mir sträuben sich meine wenigen Haare, wenn ich bei Festreden immer wieder hören muss, dass unser Land Eliten - und daher uns Corpsstudenten brauche. Es ist noch gar nicht so lange her, da galt allein schon die Behauptung, es gebe Eliten, als politisch unkorrekt. Die unermüdlichen Verfechter der Überzeugung, dass alle Menschen gleich begabt seien und dass es nur darauf ankomme, ihnen gleiche Chancen bei der Ausbildung einzuräumen, stemmten sich mit aller Kraft gegen die Versuche, offensichtlich Begabte besonders zu fördern. Sonderschulen floss viel Geld zu, und das war auch notwendig.

 

Aber Institute, die Hochbegabte fördern wollten, ließ man links liegen. Glücklicherweise hat sich inzwischen einiges geändert, und so können wir es ruhig wagen, dieses Thema offen anzusprechen.

 

Eliten sind Gruppierungen, die von anderen als solche wahrgenommen und respektiert werden. Eliten haben es nicht nötig, ständig zu betonen, dass sie solche seien. Diejenigen, die sich selbst dazu zählen oder ernennen, wirken lächerlich, Sekten etwa verhalten sich so, und deshalb sollten wir Corpsstudenten uns hüten, diesen Anspruch pauschal zu erheben. Wer also zählt wirklich - heute - zur Elite?

 

Das ist nicht leicht zu definieren. Denn die einst vertrauten Stützen der Gesellschaft in Wirtschaft und Politik werden als Vorbilder immer stärker in Frage gestellt. Das war bei Umbrüchen immer so. Die Geschichte schritt über den Adel, der kraft Geburt zu den Privilegierten zählte, hinweg, das wohlhabende Großbürgertum teilte zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts dieses Schicksal.

 

Und heute? Der Akademiker gehört, das steht wohl fest, anders als vor dem Ersten Weltkrieg als „Stand", wie man damals sagte, nicht mehr dazu. Denn die Bildungsexpansion hat die Hochschulen von Grund auf verändert und die Massenuniversität hervorgebracht. Das kann man bedauern, aber es ist und bleibt ein Faktum. Der Begriff „Bildungsexpansion„ ist, nebenbei bemerkt, natürlich Etikettenfälschung, denn „Bildung" hat schon damals weder den Reformer Picht noch die Vollstrecker seiner Thesen interessiert. Ihnen ging es um die Ausweitung der Ausbildung.

 

Gehören diejenigen, die Macht ausüben, Entscheidungen fällen, die also das Schicksal vieler gestalten, zur Elite? Wäre es so, dann zählten hochrangige Politiker in unserer res publica ohne weiteres dazu. Der weit verbreitete Unmut über diese politische Kaste - ob sie das verdient, sei dahingestellt - deutet eher darauf hin, daß das nicht so ist. Was ist mit den Hochschulprofessoren? Auch hier zögert die Öffentlichkeit, sie ohne weiteres der Elite zuzuordnen, und die geplante Abschaffung der Habilitation wird die Skepsis noch verstärken. Was ist mit der Schickeria, mit Stars und Starlets und deren Trabanten? Sie werden mir zustimmen, wenn ich vorschlage, diesen Gedanken, sagen wir es einmal so, in die Besenkammer zu verbannen. Was ist mit den Großunternehmern, mit Multimillionären? Man wird sie respektieren und beneiden, aber nicht als Gruppe zur Elite zählen.

Nein, in einer demokratisch organisierten Gesellschaft gehört zur Elite zunächst einmal die Gruppe der ausgesprochenen Leistungsträger, und zwar ohne Rücksicht auf ihre Herkunft und auf ihren gesellschaftlichen oder materiellen Status. Dies auch deshalb, weil sich der väterliche Staat immer stärker aus den Engagements zurück zieht, die er in der Vergangenheit eingegangen war, nicht aus Einsicht, weil er plötzlich das Subsidiaritätsprinzip entdeckt hätte, sondern weil er kein Geld mehr hat. Je mehr aber privatisiert wird, um so stärker muss die Gewissheit sein, daß Qualität gesichert bleibt - das setzt erstklassige Fachleute auf allen Gebieten voraus.

 

Aber das allein ist es nicht. Wer heute zur Elite gerechnet werden will, der muss über den engeren persönlichen Bereich hinaus seine Verantwortung akzeptieren und wahrnehmen; er muss seine Befähigung und sein Wirken dem Gemeinwohl zur Verfügung stellen, und zwar im gesellschaftlichen, politischen, sozialen Bereich. Dies gilt vor allem dort, wo über die Geschicke anderer entschieden wird. Gerade die Staatsform, welche die Demokratie praktiziert, verkommt zur reinen Interessengemeinschaft; wenn ein solches ethisches Element fehlt. Diese Gefahr scheint mir zur Zeit besonders groß zu sein.

 

Und da ist es denn wieder, das vertrackte Wort, das in den vergangenen Monaten so hitzige Diskussionen ausgelöst hat: Wahre Eliten sind die Hüter der „Leitkultur„ eines Volkes, die „Kronenwächter„, wenn sie so wollen. Unsere Gesellschaft braucht sie, die geistig Unabhängigen, die wissen, wohin die Reise geht, mehr denn je. Und wenn wir Corpsstudenten von den andern wirklich zu den Eliten gerechnet werden wollen, dann bleibt uns gar nichts anders übrig, als auf beiden Sektoren, Leistung und ethische Verantwortung, die Kriterien, von denen ich eben sprach, zu erfüllen.

 

Vielleicht gelingt es uns Corpsstudenten dann auch wieder, von der Universität, von der Hochschule wahrgenommen zu werden, denn wer könnte über eine derartige Zielsetzung glükklicher sein als die Alma mater, an der unsere jungen Corpsbrüder studieren! Zur Zeit ist das allerdings höchstens dann der Fall, wenn andere Verbindungen, mit denen wir nichts zu tun haben, unliebsam von sich reden machen. So führen unsere Corps an den meisten Universitäten nur ein Schattendasein. Dabei brauchen wir doch die Hochschule wie der Fisch das Wasser, und zu denjenigen Gruppierungen, die sie von innen heraus zerstören wollen, gehören wir Corpsstudenten doch gewiss nicht. Offensichtlich ist es uns noch nicht gelungen, unsere Bestrebungen und den Sinn unserer Gemeinschaften im akademischen Bereich glaubwürdig zu vermitteln. Daran müssen wir aber arbeiten, und das beste Mittel, um das zu erreichen, ist in der Tat der Nachweis, im Studium etwas Besonderes zu leisten und die Bereitschaft, sich für das Gemeinwohl zu engagieren wie wir das in unseren Corps gelernt haben.

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