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Eberhard v. Kuenheim im Gespräch



Eberhard v. Kuenheim

Herr v. Kuenheim, unter Elite kann man viel verstehen. So führt das Lexikon etwa eine Geburtselite auf, eine Wertelelite, eine Macht- und eine Funktionselite. Wenn Sie sich für die Notwendigkeit von Eliten aussprechen: In welchem Sinne verstehen Sie diesen Begriff?

 

Elite wird nicht vererbt, und sie ist auch kein Status, in den man befördert wird. Von daher habe ich meine Bedenken gegen die sogenannten Funktionseliten. Eliten bilden sich durch die Art und Weise ihres Handelns heraus. Sie vertreten Werte und Leitbilder, und zwar so, daß sie diese zugleich glaubwürdig an andere Menschen vermitteln. Was zählt, sind geistige Selbständigkeit, Mut und Tatkraft. Als Elite in diesem Sinne sehe ich beispielsweise auch den Meister, der in einem Betrieb als Vorbild wirkt. Das ist eine Art stille Elite - die Erfüllung der Aufgabe ist für sie wichtiger als öffentlicher Applaus. Natürlich muß man sagen: Je höher der Rang in der Hierarchie, desto größere Möglichkeiten der Gestaltung hat man. Daraus entsteht eine besondere Verpflichtung und Verantwortung. Daß Verantwortung und Hierarchie so oft auseinanderfallen, schadet der Anerkennung unserer Eliten.

 

Wie erklären Sie sich den krassen Wandel, den die Einschätzung unserer Eliten in den letzten 30 Jahren durchgemacht hat?



Friedrich Bayer

Ich würde mich hier nicht auf die letzten 30 Jahre beschränken. Bedenken Sie, welche Brüche wir im letzten Jahrhundert erlebt haben. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges war ja in Deutschland auch das Abtreten der gesamten politischen Führungsschicht verbunden. Dann kam die Zeit ab 1933, die wieder ganz andere Leute hochgebracht hat. Der Zusammenbruch 1945 kam im Ergebnis einer Revolution gleich. Es folgte der Versuch des Egalisierens durch die »68er« - der Versuch, alles gleichzumachen. Die Menschen sind aber nicht gleich, sie sind beispielsweise unterschiedlich begabt. Die Gleichmacherei schaffte und schafft lediglich Ungerechtigkeiten. Ich hoffe, daß diese Zeit endgültig überwunden ist.

 

Sie haben immer wieder von Eliten als »Protagonisten des Wandels« gesprochen. Könnte die derzeitige Renaissance der Elite damit zu tun haben, daß das Bewußtsein für die Notwendigkeit dieses Wandels gewachsen ist?

 

Aber sicher. Gerade in Zeiten großer Herausforderungen wächst allgemein ein tiefes Bedürfnis nach Führung, nach Orientierung. Wer soll denn den Standort Deutschland fit für die Zukunft machen, wenn nicht seine Eliten? Sie haben Visionen, und sie setzen diese Visionen auch tatsächlich um. Eliten sind Beweger. Sie sehen über den Rand ihrer vordergründigen Zuständigkeit hinaus. Aus der Begeisterung für ihre Aufgabe bilden sie Netzwerke, und zwar quer durch die Bereiche unserer Gesellschaft. Eliten sichern unsere Vitalität - durch Charakter, durch Bekenntnis, durch Vorbild. In der Kunst waren Eliten eigentlich nie umstritten, ob es sich nun um den Stargeiger handelt oder um den großen Dirigenten. Wie steht es mit Rolle und Akzeptanz der Eliten in der Wirtschaft?



Fritz Henkel, *1850

Nochmal: Auch in der Wirtschaft gehört nicht jeder zur wirklichen Elite, nur weil er eine hohe Position innehat. Wie gesagt, es kann durchaus auch der Meister sein. Aber gerade in Zeiten des Wandels und der Globalisierung steht die Wirtschaft unter einem besonderen Zwang zum Erfolg. Sie muß sich wieder und wieder in kürzester Zeit behaupten. Nur Menschen, die bei uns Entscheidungen erfolgreich treffen, sollen eigentlich Eliten genannt werden.

»Eliten sind Beweger. Sie sehen über den Rand ihrer vordergründigen Zuständigkeit hinaus.«

Die Wirtschaft tut sich vielleicht auch leichter, weil sie weniger abhängig ist als etwa die Politik.

 

Das würde ich nicht sagen. Wir stehen inmitten sehr wacher Öffentlichkeiten. Wir unterliegen einer wirklichen, einer sehr strengen Kontrolle, und zwar durch unsere Kunden. Diese Kontrolle findet täglich statt, nicht nur alle vier Jahre - und darüber hinaus auf den Weltmärkten, nicht nur in den Grenzen unseres Landes.

 

Welche Rolle spielen Bildung und Ausbildung für das Entstehen von Eliten?

Sehen Sie hier den Staat stärker in der Pflicht?



Joachim Zahn

Menschen entwickeln sich in einem sehr breiten Umfeld - nur als Beispiele nenne ich Familie, Freundeskreis, Gemeinde. Natürlich muß der Staat die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Erfolgreich ist das aber nur, wenn das geistige Fundament und Umfeld stimmen. Von daher stellt sich auch die Frage der Chancengerechtigkeit. Kinder sind nun einmal unterschiedlich begabt, und sie werden von ihren Eltern in unterschiedlichem Maße gefördert. Bildung ist vor allem ein Ergebnis der Erziehung, und hier besonders der Erziehung im Elternhaus. Sie ist nur in beschränktem Maß in der Ausbildungszeit über die einschlägigen Institutionen zu vermitteln. Ich will Ihnen zwei Beispiele nennen. Männer, für deren Format der formale Bildungsweg nicht entscheidend war. Soweit mir bekannt ist, verfügten beide nicht über eine klassische Hochschulausbildung: Zunächst Hermann Josef Abs, ein genial begabter Mann mit einem ernormen Hintergrund. Er war in seiner Position als Chef der Deutschen Bank eine legendäre Gestalt. Zugleich war er aber auch ein großer Kunstkenner, Musikkenner, und er verfügte über reiches historisches Wissen. Ein weiteres Beispiel: Hans Merkle, der langjährige Leiter der Bosch-Gruppe, hätte jederzeit Wirtschaftsminister sein können oder auch Botschafter in Washington. Was ich damit sagen will: Auch der Glanz erstklassiger Zeugnisse garantiert noch kein wirkliches Format. Dazu gehört mehr.

 

Nun ist Ihr Name dennoch mit einer staatlichen Bildungseinrichtung auf das engste verknüpft, nämlich mit der neuen Fakultät für Maschinenwesen der Technischen Universität in Garching. Sie trägt sogar Ihren Namen. Wie kam es zu dem in Deutschland wohl einmaligen Fall, daß ein Wirtschaftsunternehmen für den Staat eine ganze Hochschulfakultät auf die grüne Wiese stellt?

 

Dies geschah nicht so sehr aus hehren altruistischen Motiven heraus. Die Wirtschaft könnte ihre Aufgabe auf diese Weise wohl kaum erfüllen. Es war eine Mischung: Zum einen die Tatsache, daß wir uns durchaus praktischen Nutzen für unsere Industrie und auch für das Unternehmen BMW versprachen; schließlich brauchen wir herausragend qualifizierte junge Leute. Aber zum anderen sah ich da eine Verpflichtung, der ich mich stellen wollte. Hier mußte etwas geschehen - also haben wir gehandelt. Ich möchte bewußt keine Grenzen zwischen beiden Motiven ziehen und auch keine Gewichtung vornehmen.

»Unsere Kontrolle findet täglich statt, nicht nur alle vier Jahre: durch unsere Kunden.«



Gottlieb Daimler

Da stellt sich natürlich die Frage, warum andere nicht ebenfalls auf diesen Gedanken kommen.

 

In anderer Form ist auch von anderen gehandelt worden. Aber ich muß zugeben, es geschieht nicht auf breiter Ebene. Politik heißt gestalten und ist damit nicht auf unsere Regierungen beschränkt. Wir alle haben eine Verantwortung für unsere Gesellschaft, der wir gerecht werden müssen. Dieses Bewußtsein ist untrennbar verbunden mit meiner Vorstellung von Eliten.

 

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Begriff »Qualität«?

 

Er spielt eine erhebliche Rolle. Es geht aber nicht nur um die Qualität eines Produktes oder einer Dienstleistung. Qualität ist auch sicher nicht die Summe der antrainierten Fähigkeiten auf einem Teilgebiet: Nur »gut Tennis spielen können« und sonst nichts - das ist doch nicht gut. Ich möchte lieber davon sprechen, was man im englischen Sprachraum als »excellency« bezeichnet. Insgesamt geht es darum, Aufgaben ihrem Rang entsprechend zu erfüllen, immer aber verläßlich, gewissenhaft und berechenbar. Da Aufgaben immer komplexer werden - und immer schneller erfüllt werden müssen, wird Exzellenz oder Rang in diesem Verständnis Bestandteil des Elitebegriffes werden. Das Wort Qualität wird uns bleiben.

 

Wenn die Zugehörigkeit zu den Eliten letzten Endes weder von den Funktionen abhängt, noch vom Geldbeutel und auch nicht durch Geburt oder den formalen Bildungsweg bestimmt wird, wäre dies doch ein sehr ermutigendes Zeichen?

 

Wir haben heute eine völlig offene Gesellschaft - mit allen Möglichkeiten und allen Chancen. Dazu gehören natürlich andererseits entsprechende Risiken. Die Forderung nach Chancengleichheit ist allerdings allgemeiner und lautstärker als das Einverständnis zur Teilhabe an Risiken - geschweige denn der Wunsch nach deren Egalisierung.

»Auch der Glanz erstklassiger Zeugnisse garantiert noch kein wirkliches Format.«

»Leistung muß sich wieder lohnen« - gilt das also auch für die Eliten?

 

Aus meiner Erfahrung ist die Passion, etwas zu bewegen, eine grundlegende menschliche Eigenschaft. Recht verstanden ist jeder, der entsprechende Aufgaben sieht und dafür Verantwortung übernimmt, ein »Unternehmer« im wirklichen Sinne des Wortes und damit auch Mitglied unserer Eliten. Der Unternehmer ist damit nicht auf die Wirtschaft beschränkt, und die Motivation für sein Handeln ist oft nur am Rande ökonomischer Natur. Es zählt eben nicht nur wirtschaftlicher Erfolg, es zählen nicht nur Aufstieg und Hierarchie. Vielmehr kann es gleichsam eine innere Belohnung sein, etwas voranbringen zu können, ja zu dürfen.

 

Das Gespräch mit Eberhard von Kuenheim führte Toni Schmid.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von „aviso", Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst in Bayern

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