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Lesermeinung

zu „Die Universität im Wandel/3. Teil in CORPS 4/2002:

 

Professor Rink beklagt in seinem Beitrag die innere Verfassung der Universität und den Druck von außen. Als langjähriger Lehrbeauftragter der Fachhochschule München kenne ich die Interna zu wenig, möchte aber zu einigen anderen Aspekten seines Artikels Stellung nehmen: Im Rahmen eines Lehrauftrags befasse ich mich seit sieben Jahren mit Bewerbungs- und Karrierefragen und bin als freiberuflicher Seminarleiter tätig. Herr Rink zitiert Poincaré (1854 - 1912) " . . . der Gelehrte studiert die Zusammenhänge der Natur nicht, weil das etwas Nützliches ist, . . ., sondern weil er Freude daran hat."

 

Ich habe gerade am Arbeitsamt in München einige Bewerbungsseminare für Hochschulabsolventen sehr unterschiedlicher Fachrichtungen, die keinen Arbeitsplatz finden können durchgeführt, darunter zum Beispiel auch eine junge Chemikerin mit einem Einser-Diplom. Für die Erwartungen der Wirtschaft, also den "Kunden" unserer Hochschulen gilt sinngemäß eine viel ältere Forderung beziehungsweise Lebensweisheit eines unbekannten Denkers, nämlich: "non scholae sed vitae . . ."

 

Warum haben viele Hochschulabsolventen Probleme, einen Arbeitsplatz zu finden? Nach Erkenntnissen des Instituts der Deutschen Wirtschaft bewerten Personalchefs bei einer Bewerbung das Fachwissen eines Hochschulabsolventen (Trainees) lediglich mit zirka 25 Prozent. Die restlichen 75 Prozent entfallen auf die sogen. Schlüsselqualifikationen (soft skills), die für Corpsstudenten beispielsweise an der Corpsakademie gelehrt beziehungsweise eingeübt werden können. Die Universitäten müssen sich auch die Frage gefallen lassen, wieso immer mehr namhafte deutsche Firmen (vergl. Rheinischer Merkur Nr. 46, 2002, Seite 33; "Vollgas für die Bildung") die US-Idee von der sogenannten Corporate University aufgreifen und entsprechende firmeneigene Institute gründen.

 

Wir brauchen offenbar einen echten "Ruck". Nach dem Krieg war zur Horizonterweiterung ein einsemestriges studium generale vorgeschrieben. Diese Idee sollte auf der Grundlage aktueller Bedürfnisse revitalisiert werden. Der Student muß frühzeitig mögliche Defizite in den Schlüsselqualifikations - dazu zähle ich ausdrücklich auch die Allgemeinbildung - erkennen und angeregt werden, diese während seines Studiums schrittweise abzubauen. Ferner müssen insbesondere Erstsemestern die auch von Herrn Rink geforderten Zusammenhänge (und zwar fächerübergreifend) dargelegt werden. Um das Studium nicht zu verlängern, müßten natürlich auch die Herren Professores bereit sein, ihre Lehrangebote zu entrümpeln.

 

Zum Schluß noch eine Anmerkung zu der im Artikel angesprochenen Evaluierung. Ich habe meine Studenten und Seminarteilnehmer vom ersten Tag an mit knapp gehaltenen Fragebögen, lang, bevor die Evaluierung obligatorisch wurde, konfrontiert und dabei so viele konstruktive Verbesserungsvorschläge erhalten, daß ich meinen Hörern wirklich dankbar für ihr Engagement bin. Und: Ein Zacken ist mir dabei auch nicht aus der Krone gefallen.

 

Gotthard Schubert Saxoniae Göttingen

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