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Nur Leistung schafft EliteVon Dr.-Ing. Jürgen Großmann M.Sc.I.A. Montaniae Clausthal, Hasso-Borussiae
„Ein Ruck muss durch Deutschland gehen." Sie erinnern sich noch an die Ansprache, die der damalige Bundespräsident Roman Herzog vor vier Jahren im Berliner Hotel Adlon gehalten hat. Da war die Rede von einem „Ruck, der durch Deutschland gehen müsse", von einer Zukunftsvision und auch von der Verantwortung, die den Eliten bei dieser Neugestaltung zukomme. Dass Herzog in diesem Falle nicht im Detail auf den Begriff der Elite einging, mag man ihm nachsehen - schließlich ging es bei seinen Ausführungen um einen Gesamtentwurf für die Zukunft unserer Gesellschaft.
Doch: Allein das Wort Elite. Es ruft in weiten Teilen der Gesellschaft deutliches Missfallen hervor. Elite - wer gehört dazu? Wir müssen also fragen, welche Form der Elite wir denn wollen. Den Begriff haben wir von unseren französischen Nachbarn übernommen. Seinen Ursprung hat er im Lateinischen: eligere - „auswählen". Nur: Wer wählt wen wonach aus?
Die vordergründige Elite: Gehört Papis Ältester schon dazu, nur weil zum 18. Geburtstag der Roadster vor der Tür steht? Nichts gegen Roadster. Doch solch ein Cashmere-Kid wird dann früher oder später in einer Firma von Papis Golfpartnem untergebracht und darf dann in leitender Position mit englischer Visitenkarte im Stahlstich Zettelchen sortieren.
Wie steht es denn dann mit unserer Geburtselite, unserem gerade in den Boulevardblättern so geschätzten Hochadel? Schauen wir uns unseren Prügelprinzen aus Hannover an! Da regt sich in mir bei jeder weiteren Meldung Widerwillen. Hier bedient eine reine Pseudo-Elite die Erwartungen vom Publikum der „Yellow Press". Die Elite als Belustigung der Nation - BILD Dir deine Meinung!
Nur Leistung schafft Elite: „Es ist immer die Leistung, die bestimmt, wer zur Elite zählt." Diese Äußerung des Philosophen Ludwig Marcuse bringt uns einem angemessenen Verständnis des Begriffs schon näher. Diese Definition ist allerdings schon deutlich älter: Perikles riet zu Athener Zeiten „Beurteilt den Menschen nach seiner Leistung und nicht nach seiner Herkunft".
Die Konsequenzen für den Einzelnen: Eine Gesellschaft mit einem authentischen Elite- Bedürfnis verlangt ihren Mitgliedern eine ganze Menge Einsatz ab. Noch nie hatte aktuelles Wissen einen so inflationären Charakter wie heute - und es wird immer schlimmer.
Der stete Wandel: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit. Und neues Leben blüht aus den Ruinen." Friedrich Schiller fände heute mehr denn je Bestätigung für sein Zitat. Gerade auf dem Sektor Technik und Biologie haben wir in den vergangenen Jahrzehnen Veränderungen erlebt, die weder Schiller noch folgende kluge Köpfe erwartet hätten. Um dabei mitzuhalten, gibt es zwei Optionen.
Die erste ist bequem und langweilig und kommt für die Mitglieder unserer Gemeinschaft sowieso nicht in Frage: Nach mehr schlechter als rechter Ausbildung geht man in den erstbesten Beruf, der einem angeboten wird und wartet auf den Ruhestand. Dies wird häufig nicht gut gehen - viele Leute mit dieser Einstellung werden auch schon mal vor dem eigentlichen „Wohlverdienten" nach Hause geschickt, in Altersteilzeit, Frühverrentung. Da helfen dann weder Band noch Schmiss so wirklich weiter, den Lebenserfolg muss man sich nämlich ernsthaft erfechten - und zwar nicht auf dem Mensurboden sondern auf den Brettern des Lebens.
Deshalb: Es geht um den zweiten Weg, mit mehr Steinen - aber auch mit mehr Befriedigung. Es gilt, Chancen zu nutzen, sich einzumischen und die Initiative zu ergreifen. Also: Starten statt Warten! Der englische Komponist Benjamin Britten hat gesagt, dass „Lernen wie das Rudern gegen den Strom sei". Sobald man damit aufhöre, treibe man zurück.
Der Blick über den Tellerrand: Neben dem Fachwissen und der Leistungsbereitschaft an Schule und Uni muss sich der Nachwuchs vor allem durch Allgemeinbildung, Verantwortungsbewusstsein und soziale Kompetenz auszeichnen. Die wird nicht nur während der Kneipe erkennbar, der Umgang mit dem Rauschmittel Bier ist schließlich zweischneidig. Richtig Biss beweist, wer am nächsten Morgen mit verkatertem Kopf in der Vorlesung gesichtet wird.
Gleichwohl hat die Corps- Zugehörigkeit hohe Lerneffekte. Unvergessen bleibt für mich die erste Sitzung, die ich bei meinem ersten Arbeitgeber Klöckner leiten musste: Es wird geredet bis zum Abwinkenund Profilneurotiker kommen mit abstrusen Anmerkungen zur Tagesordnung. Mit den Montanen-Erlebnissen im Gepäck ließ sich die Situation bewältigen. Bis heute zehre ich von den Erfahrungen aus unzähligen Conventen.
Engagement als Mangelware? „Idealist sein heißt, auch Kraft haben für andere." Dieser Ausspruch von Novalis ist etwa das, was wir im Verbindungsleben dem puren Egoismus entgegensetzen. Diese Werte sind nicht nur Selbstzweck, sondern sind später beim Berufseinstieg von maßgeblicher Bedeutung. Die bloße Karriereorientierung ist heute bei Arbeitgebern wenig gefragt - stattdessen sind Teamgeist, Eigenmotivation und Kommunikationsbereitschaft angesagt.
Hierzu passt unsere Philosophie: Ein Corpsstudent verweigert einem anderen nie das Gespräch, eine der Hauptideen unseres Alumni-Wesens. Sie gilt nicht nur während des Studiums sondern auch später im Beruf. Doch ist diese Versicherung kein sanftes Ruhekissen für hängende Köpfe und gebuckelte Rücken: Unbedingte Voraussetzung für das spätere Erleben der Corps-Gemeinschaft als Elite ist die echte Leistungsbereitschaft des Einzelnen. Deutschland braucht Wandel: Über dem deutschen Bildungswesen schwebt immer noch die Idee der Zielgleichheit, ein überzeugendes Konzept zur konsequenten Begabtenförderung gibt es nicht. Im Gegenteil: Hochbegabung liegt in der gleichen pädagogischen Kiste wie die Verhaltensauffälligkeit.
Wir haben mit einer ideologischen Guillotine zu kämpfen, die alles, was über den Rumpf hinausgeht, gnadenlos abschlägt. Was bleibt, ist eine Gesellschaft ohne Kopf und ohne Hirn. Aus einem falsch verstandenem Gerechtigkeitsdenken hat sich ein Bremsklotz für diejenigen entwickelt, die mehr leisten wollen, als unbedingt nötig.
Die Verantwortung der Privatwirtschaft: Es wird höchste Zeit, dass unser staatliches Hochschulwesen von privater Seite neue Impulse und Konkurrenz bekommt. Deshalb unterstütze ich zum Beispiel die GISMA in Hannover, die German International Graduate School of Management and Administration. Als Ableger der renommierten Purdue-University bei Chicago sichert sie in elf Monaten Vollzeit-Studium eine MBA-Ausbildung und bietet darüber hinaus berufsbegleitende Möglichkeiten, sich mit einem internationalen Professorenteam fit zu machen.
Unsere Aufgabe für die Zukunft: Die Corps sind aufgefordert, verstärkt in den Wettbewerb um die klügsten Köpfe einzusteigen. Es geht in Zukunft darum, hier vor Ort und als Alumni Eliteförderung im besten Sinne zu betreiben. Die Bereitschaft zur Leistung, der Ansporn, ein „Vorzeige-Corpsstudent zu werden - ohne diesen Anspruch hat die Verbindung keine Zukunft. Auch, wenn uns dafür nicht aus allen Ecken Begeisterung entgegen schlägt, sondern ein falsches Traditionsverständnis nach dem Motto „das war aber immer so". Es ist eben die Zeit, dass manches anders wird. Um Roman Herzog wieder zu bemühen: „Ich vermisse bei unseren Eliten die Fähigkeit, das als richtig Erkannte auch durchzustehen. Es kann ja sein, dass einem dabei das ein oder andere Mal der Wind der öffentlichen Meinung ins Gesicht bläst." |