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Entschließt man sich zu einer Reise ins Baltikum, führt an Tartu, zu deutsch Dorpat, russisch Jurjew, kein Weg vorbei. Zumal dies die älteste Stadt der drei baltischen Republiken ist.. Schon seit 1030 wird diese Festung unter verschiedenen Namen urkundlich erwähnt. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eroberte der Deutsche Ritterorden in blutigen Kreuzzügen das bis dahin von den Esten beherrschte Gebiet bis zum Peipus-See. An Stelle der Opferstätten für die heidnischen Götter entstanden katholische Kirchen. Zur Befestigung des Gebietes wurden zahlreiche Ordensburgen errichtet, die noch heute, als Ruinen, besichtigt werden können, und oftmals als Freilufttheater dienen.
Zur Zeit der Hanse war Dorpat eine blühende mittelalterliche Stadt nach deutschem Vorbild. Im Zuge der Reformation herrschten allerdings bürgerkriegsähnliche Zustände bis es dem Klerus schließlich gelang, den protestantischen Aufstand mit Hilfe von Söldnern zu unterdrücken. Die mittelalterliche Stadtmauer Dorpats ist leider im Gegensatz zu der in der Hauptstadt Estlands, Tallinn, zu deutsch Reval, kaum erhalten geblieben. Um 1550 zählte Dorpat bereits 6000 Einwohner, danach ging es jedoch infolge der russisch-schwedischen Kriege allmählich wirtschaftlich bergab. Abwechselnd herrschten hier Russen, Schweden, Polen und Dänen.
Auf der Höhe seiner Macht gründete Gustav II Adolf 1632 die Universität Dorpat unter dem Namen Academia Gustaviana. Diese bestand bis zum Jahre 1699 und übte starken zivilisatorischen Einfluss im östlichen Ostseeraum aus. 1802 gründete Zar Alexander I. die Universitas Dorpatensis erneut. Deutsche Studentenverbindungen gab es in Estland bis 1939, parallel zu estnischen Verbindungen.
Heutzutage ist Dorpat in erste Linie eine Universitätsstadt, die man in etwa mit Göttingen vergleichen kann.
Die Universität mit ihren Fakultäten beherrscht das Stadtbild, ebenso wie das Korporationswesen. So kann man jederzeit auf den Straßen jungen Studenten in Band und Mütze begegnen, oder die Corpshäuser aufsuchen und gesellige Abende erleben. Die heutigen Verbindungen orientieren sich am Brauchtum der deutschen Studentenverbindungen des 19. Jahrhunderts und versuchen, ihre Eigenständigkeit zu pflegen. So gibt es vor allem Wodka anstatt Bier zu trinken. Die baltischen Verbindungen sind den Deutschen gegenüber jedoch sehr offen eingestellt, sie haben auch einige deutsche Lieder im Repertoire, etwa "O alte Burschenherrlichkeit", die sie auch auf deutsch singen, oder übersetzen, wie etwa "Me mötted an priid" ("Die Gedanken sind frei").
Wir jedenfalls haben einen sehr vergnüglichen Abend mit den Verbindungsstudenten verlebt, den wir keinesfalls missen möchten. Hierbei konnten wertvolle Kontakte geknüpft werden, die sich sicherlich in der Anwesenheit estnischer Verbindungsstudenten auf dem Weltkorporationstag in Würzburg niederschlagen werden.
Im estnischen gesellschaftlichen Leben genießt das Korporationswesen große Akzeptanz und hohes Ansehen. So werden etwa in jedem Semester zehn bis 20 Füchse aktiv, die jedoch relativ kompromißlos selektiert werden, da die Verbindungsstudenten ihre Ideale konsequent aufrecht halten. Der große Erfolg im gesellschaftlichen Leben erklärt sich durch ihre permanente Präsenz, ja geradezu Dominanz, und Nähe zur Universität. Diese Verbundenheit mit der alma mater geht über alle Generationen hinweg. Die Alten Herren sehen sich zeitlebens als Vertreter ihrer Verbindung an der Universität. Auch ist die Altherrenschaft estnischer Verbindungen jünger und macht ihren Aktiven keine Vorschriften.
Vielmehr ist das Korporationswesen noch in einer, bedingt durch den Zusammenfall der Sowjetunion und der dadurch erlangten Eigenstaatlichkeit der baltischen Republiken, Umbruchphase, in der viel Pioniergeist gefordert ist, der die Verbindungsmitglieder zusammenschweißt.
Als Resümee bleibt festzuhalten: Natürlich kann das Erfolgskonzept der baltischen Verbindungen nicht im Maßstab Eins zu Eins übernommen werden, weil wir uns in einem ganz anderen Stadium der gesellschaftlichen Entwicklung befinden. Dennoch kann und sollte man diese Erfolgsfaktoren in gewisser Weise als Vorbild nehmen und die Nähe zur Universität sowie die Bindung der Altherrenschaft an die Universität festigen.
Thomas S. Heglmeier Alemanniae München Thomas Cuntz Bavariae München |