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Ein wichtiger Schritt gegen das Doping im Sport

Dr. Peter Busse Teutoniae Marburg, Vorstands vorsitzender Nationale Anti Doping Agentur, im CORPS-Gespräch

 

CORPS: Herr Dr. Busse, Sie sind Vorstandsvorsitzender der am 15. Juli 2002 vorgestellten Nationalen Anti Doping Agentur (NADA). Warum wurde diese neue Organisation geschaffen?

 

Dr. Peter Busse Teutoniae Marburg: Bis zur Schaffung der NADA wurde in Deutschland schon ein energischer und weitgehend erfolgreicher Kampf gegen Doping im Sport geführt. Die Sportverbände waren zuständig für die im Jahr etwa 4000 Wettkampfkontrollen. Die vom Deutschen Sportbund (DSB) und vom Nationalen Olympischen Komitee (NOK) gegründete Anti-Doping-Kommission führte im Jahr zusätzlich etwa 4000 Dopingkontrollen außerhalb des Wettbewerbs durch. Die Sportler werden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und es ist gelungen, die Ankündigungsfrist der Kontrollen immer weiter zu verkürzen, um Manipulationen durch Unberechenbarkeit für den Sportler zu begegnen. Das Risiko für die Sportler ist damit in Deutschland groß; andere Staaten haben bei weitem nicht ein so wirksames Kontrollsystem außerhalb der Wettkämpfe. Dieses Kontrollsystem wird nun auf die NADA übergeleitet.

Folgende Überlegungen führten zur Gründung der NADA:

Die Bekämpfung des Doping im Sport sollte dadurch überzeugender sein, dass eine Organisation, die staats- und sportfern und damit unabhängig ist, den Kampf führt.
Die Effektivität wird erhöht, wenn alle Anti-Doping-Maßnahmen gebündelt und aufeinander abgestimmt werden.
Die NADA sollte eine nationale Entsprechung der vom IOC ins Leben gerufenen World Anti Doping Agency (WADA) sein und sich mit der WADAaustauschen.

CORPS: Welche Aufgaben hat diese in Bonn beheimatete Stiftung und wie finanziert sich die NADA?

 

Dr. Peter Busse: Die ersten Überlegungen zur Schaffung der NADA liegen lange zurück. Innenminister Otto Schily und der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, haben ständig darauf gedrängt, das Tempo zu verschärfen. Ein Problem war die Finanzierung. 6,6 Millionen Euro sind das Startkapital. 5,1 Millionen Euro trägt der Bund; die Länder und die Stadt Bonn sind weitere Geldgeber. Die Stadt Bonn stellt zudem der NADA im ehemaligen Regierungsviertel eine renovierte Villa an der Heussallee mietfrei zur Verfügung. Die Deutsche Bank und die Deutsche Telekom haben je 250000,- Euro zugesagt. Die Gründer und die Stiftung setzen darauf, dass die Wirtschaft sich in Zukunft bei der wichtigen Gemeinschaftsaufgabe, die der Kampf gegen Doping darstellt, weiter finanziell engagiert. Die Kernkompetenzen der NADA sind folgende:

Durchführung, Weiter- und Fortentwicklung des Doping-Kontroll-Systems.
Verbesserung der Aufklärung, die schon frühzeitig einsetzen muss.
Errichtung und Unterhaltung eines Sportschiedsgerichts.
Förderung der internationalen Zusammenarbeit.

 

CORPS: Wer kümmert sich um die Erfüllung der vielfältigen Aufgaben der NADA?

 

Dr. Peter Busse: Die Vorstellung im Bonner Rathaus am 15. Juli 2002 hat die Arbeitsfähigkeit der NADA noch nicht ermöglicht. Erst die Anerkennung als rechtsgültige Stiftung durch das nordrhein-westfälische Innenministerium Ende November 2002 hat das Rechtssubjekt NADA begründet, das heißt, von diesem Zeitpunkt an konnten zum Beispiel Dienstverträge mit zukünftigen Mitarbeitern abgeschlossen werden. Organe der Stiftung sind der Vorstand und das Kuratorium. Die Mitglieder üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Beratende Arbeitsgruppen können installiert werden. Der aus sieben Mitgliedern bestehende Vorstand bestimmt die Richtlinien der Stiftungspolitik und führt die Geschäfte der laufenden Verwaltung. Im Vorstand soll hinreichender Sachverstand aus den Gebieten Recht, Medizin, Pädagogik, Politik und Wirtschaft vertreten sein. Für den Sport arbeitet im Vorstand die Goldmedaillengewinnerin von Barcelona im Hochsprung, Heike Henkel, tatkräftig mit. Hauptamtliche Mitarbeiter wie zum Beispiel der seit Anfang 2003 tätige Geschäftsführer unterstützen den Vorstand.

 

CORPS: Die im Deutschen Sportbund zusammengeschlossenen Turn- und Sportverbände sind gemäß der Satzung des DSB verpflichtet, die Verwendung von Dopingsubstanzen im Sport zu verbieten und das Doping mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen. Bisher haben fehlende Unabhängigkeit, Überlastung und ein Wirrwarr von Zuständigkeiten die Verfahren behindert. Ist die neu geschaffene NADA jetzt eine Art Superinstanz des Sports und wie arbeiten Sie mit den einzelnen Sportverbänden zusammen?

 

Dr. Busse: Superinstanz ist in diesem Zusammenhang der falsche Begriff. Die NADA kann ihre Aufgaben nur im Konsens mit den Sportverbänden und mit Hilfe der Verbände erfüllen. Der deutsche Sport ist in seiner Gesamtheit der Auffassung, dass nur ein dopingfreier Sport in der Zukunft eine Chance hat. Wir alle wissen nur zu gut, wohin es führt, wenn in einem Land, ich meine die DDR, systematisch und flächendeckend gedopt wird. Die Stasi-Akten geben darüber ausführlich Auskunft. Zwar hat die Stasi nicht selbst das Doping angeordnet, aber sie hat es gegenüber dem In- und Ausland abgesichert. Als langjähriger Vertreter von Joachim Gauck habe ich durch die Akten Kenntnis von der erschrekkenden und menschenverachtenden Dopingszene in der DDR bekommen. Also: nicht die NADA allein, sondern nur ein Zusammenwirken aller gesellschaftlichen Kräfte, ganz besonders des Sports, kann im Kampf gegen Doping im Sport erfolgreich sein.

 

CORPS: Die im "Anti-Doping- Regelwerk der Olympischen Bewegung" aufgeführte "Liste der Gruppen verbotener Wirkstoffe und verbotenen Methoden 2003" liest sich klar und eindeutig - für jeden verständlich. Trotzdem kommt es immer wieder zu Dopingvorwürfen und -beweisen im Hochleistungssport. Woran liegt es?

 

Dr. Busse: Das Regelwerk reicht im Wesentlichen aus. Falls erforderlich, wird es von den zuständigen Instanzen ergänzt und verfeinert. Früher hinkte die Doping-Analytik gelegentlich dem medizinischen Fortschritt hinterher. Das ist heute glücklicherweise nur noch selten der Fall. Die chemische und medizinische Forschung, die in vielen Ländern intensiviert und vom Staat gefördert wird, hat bestehende Lücken geschlossen. Die Situation ist aber wie überall: Rechtsbrecher setzen darauf, nicht entdeckt zu werden. Das Netz der Kontrollen darf also nicht gelockert werden, das Risiko, entdeckt zu werden, muss bestehen und nach Möglichkeit noch vergrößert werden. Leider wird auch im Freizeit-, Breiten- und Jugendsport gedopt. Wir wissen auch, dass etwa die Fitnesszentren Orte sind, in denen unerlaubte Mittel vermehrt genommen werden. Die Dopingbekämpfung und -prävention muss also breit angelegt sein und frühzeitig in Bezug auf das Alter einsetzen.

 

CORPS: Eine strafrechtliche Verfolgung von Doping und insbesondere des Umfelds von Dopingsündern wie zum Beispiel Trainern oder Ärzten ist in Deutschland bisher nicht möglich. Würden Sie die Einführung eines entsprechenden Paragraphens fordern?

 

Dr. Busse: Der Vorstand der NADA hat die Frage, ob Doping im Sport strafrechtlich verfolgt werden soll, noch nicht abschließend erörtert. Trotz gesetzlicher Regelungen ist nicht erkennbar, dass in Italien oder Frankreich der Dopingmissbrauch signifikant zurückgegangen wäre. Ich persönlich halte eine Ergänzung des Strafgesetzbuches nur für die ultima ratio. Das - fast rührende - Bestreben in Deutschland, alles, aber auch alles zu legifizieren, halte ich für falsch. Es gibt kein Normendefizit, sondern allenfalls ein Vollzugsdefizit. Ich meine auch, dass der autonome Sport einen Teil seiner Aktivitäten im Kampf gegen Doping zurückfahren würde, wenn diese Aufgabe dem Staat übertragen würde, nach dem Motto: Lass Vater Staat mal machen!

 

CORPS: Die Gründung einer Sportgerichtsbarkeit, vergleichbar mit dem Internationalen Sportgerichtshof, ist ein Ziel der NADA. Verhindert werden soll so ein rechtliches Wirrwarr. Wie realistisch ist es, dass solch eine Sportgerichtsbarkeit noch vor den Olympischen Spielen in Athen 2004 eingerichtet wird?

 

Dr. Busse: Die Errichtungsurkunde und die Stiftungsverfassung weisen der NADA als Aufgabe die Einrichtung und Unterhaltung eines Sportschiedsgerichts zu. Es liegt auf der Hand, dass diese Aufgabe eine enge, sicher nicht sehr einfache Abstimmung mit den Sportverbänden erforderlich macht. Außerdem bedarf es einer Änderung und Anpassung des materiellen Rechts, das die Sportverbände sich gegeben haben. Wir gehen die Aufgabe baldmöglichst an, weil divergierende Entscheidungen auf Dauer nicht hinzunehmen sind. Vor den Olympischen Spielen 2004 werden wir mit dieser Aufgabe aber nicht zu Ende kommen. Die Errichtung und Unterhaltung eines solchen Sportschiedsgerichts wird zudem kostenaufwendig sein. Deshalb postuliert die Gründungsurkunde, dass diese Angelegenheit nicht zu den vorrangig anzugehenden Kernaufgaben gehört, sondern im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten sukzessive verfolgt werden soll.

 

Die Fragen stellte Michael Schur Cherusciae, Joanneae

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