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Sucht kann prinzipiell jeden treffen



Prof. Dr. Jobst Böning

Interview mit Prof. Dr. Jobst Böning Saxoniae Jena, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS)

CORPS: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) mit Sitz in Hamm, deren Vorstandsvorsitzender Sie sind, wird von 25 bundesweit tätigen, gemeinnützigen Mitgliedsverbänden der freien Wohlfahrtspflege sowie von Abstinenz- und Selbsthilfeverbänden getragen. Was sind die Aufgaben?

Prof. Dr. Jobst Böning Saxoniae Jena, Saxoniae Bonn: Ziele sind ambulante Beratung und Behandlung stofflichen und nichtstoffgebundenen Suchtverhaltens, stationäre und ambulante Versorgung sowie die Selbsthilfe. Gleichzeitig wird die vertretene Fachkompetenz zu Fragen und Problemen der Suchtprävention und der Suchtkrankenhilfe organisatorisch gebündelt. Insofern ist die vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung unterstützte DHS das Synonym für Suchtkrankenhilfe in Deutschland schlechthin. Außerdem werden jährlich Tagungen und Expertengespräche veranstaltet und wissenschaftliche Expertisen als Politikberatung zu gesundheitspolitischen Themen erstellt.

CORPS: Sucht und Abhängigkeit – was ist das? Gibt es eine international gültige Definition oder wird dies je nach gesellschaftlichem Zeitgeist unterschiedlich gewertet?

Böning: Das in der deutschen Sprache verwurzelte Wort Sucht kommt von Siechen, also Kranksein und ist gleichbedeutend mit dem international gebräuchlichen Begriff Abhängigkeit. Diese entsteht im individuellen bio-psycho-sozialen Bedingungsgefüge und wird letztlich als eine gelernte Erkrankung im menschlichen Gehirn bis zu einem nicht mehr löschbaren „Suchtgedächtnis" programmiert. Dies erklärt die enorme Rückfallgefährdung und die Notwendigkeit von Abstinenz, da zum Beispiel „kontrolliertes Trinken" nicht mehr möglich ist. Zu weltweit anerkannten Kriterien einer (psychischen und körperlichen) Sucht zählen: Unbezwingbares Verlangen nach Suchtstoffen bzw. Verhaltensweisen (zum Beispiel pathologisches Glücksspielen), eingebüßte Kontrolle über Beginn, Beendigung und Menge des Suchtstoffkonsums, fortschreitende Vernachlässigung von Interessen und sozialen Werten, anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweis schädigender Folgen (körperlich, sozial, psychisch), Toleranzsteigerung (Verträglichkeitszunahme des Suchtstoffes) und Auftreten von Entzugssymptomen. Sucht in diesem Sinne gab es schon immer, wobei allerdings gesellschaftliche Strömungen und Ideologien entweder die Bereitschaft zur Sucht förderten oder unterdrückten.

CORPS: Kann Sucht prinzipiell jeden treffen oder gibt es dafür zum Beispiel bestimmte individuelle Veranlagungen?

Böning: Schädlicher Alkoholkonsum bis zur Abhängigkeit zum Beispiel infolge ständigen Spiegeltrinkens, wöchentlicher Trinkexzesse und falscher Bewältigungsversuche für berufliche, private oder zwischenmenschliche Schwierigkeiten kann prinzipiell jeden Menschen treffen. Bei der Entwicklung der eigentlichen Suchterkrankung (psychische Abhängigkeit) sind etwa zu 50 Prozent genetische Faktoren daran beteiligt. Ebenso wichtig sind entwicklungspsychologische und soziale Faktoren im Kontext einer Gesellschaft, das „Angebot" am Markt sowie Verfügbarkeit und Preisgestaltung der Suchtstoffe.

CORPS: Mit den Versuchungen von Alkohol, Tabak, Medikamenten, Drogen im engeren Sinne und Glücksspiel wird wohl jeder Mensch in seinem Leben konfrontiert werden. Manchmal wird die Behauptung aufgestellt, es wäre eine Art „verantwortungsvoller Umgang" damit möglich. Ist dies tatsächlich machbar?

Böning: Natürlich gehört es zur Entwicklung eines jungen Menschen, sachgerecht mit Medikamenten und verantwortungsvoll mit unserer Kulturdroge Alkohol oder mit zweckfreiem Spielen umgehen zu können. Tabak ist hingegen das toxischste aller Umweltgifte mit enormem gesundheitlichen Schädigungspotential. Außerdem hat das immer frühere Rauchen mit dieser Einstiegsdroge Nikotin ebenso wie der regelmäßige Drogenkonsum (zum Beispiel Cannabis) oder das „kollektive Kampftrinken" später katastrophale Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung. Ist der Übergang zur Sucht eingetreten, ist ein „verantwortungsvoller" und/oder „kontrollierter" Umgang mit diesen Substanzen nicht mehr möglich. Hingegen ist es bei dem zahlenmäßig weitaus größeren Personenkreis mit hochriskantem und mißbräuchlichem Alkoholkonsum dringend angezeigt, Trinkmengen aus gesundheitlichen Gründen zu reduzieren und sich von der jederzeit möglichen Kontrollfähigkeit zu überzeugen. Außerdem gilt der allgemeine gesellschaftliche Verhaltenscode, daß man etwa Alkohol nicht im Straßenverkehr, bei der Arbeit, während Schwangerschaft und Stillzeit, während der Behandlung von Krankheiten oder zur unpassenden Gelegenheit zu sich nimmt.

CORPS: Suchtverhalten als Folge von mangelndem Selbstvertrauen und Minderwertigkeitsgefühlen, von Verantwortungsscheu und Problemangst wird meist in Kindheit und Jugend erlernt. Einerseits gibt es Gesetze, durch welche die Abgabe zum Beispiel von Alkohol oder Zigaretten an Jugendliche unter 16 Jahren verboten ist, andererseits wird das „Einstiegsalter" dafür offensichtlich immer niedriger. Was kann die Politik tun, um hier Abhilfe zu schaffen?

Böning: Gegen zunehmend gestörte Familienverbände nicht nur im sozial schwachen Milieu und gegen mangelnde Aufsichtspflicht häufig selbst abhängiger Eltern kann die Politik freilich schwer etwas tun. Indes hat sich in den vergangenen zwei Jahren die staatliche Suchtmittelpolitik erfreulicherweise geändert. Erstmalig werden Nikotin, Alkohol und gesundheitsschädigende Fastfood-Produkte als die „Gesundheitskiller" mit hohem Suchtpotential benannt. Langsam verlieren diese ohne jede Wirtschaftsethik unverantwortlich agierenden Megamärkte ihre politische Lobby, zumal die auf Kinder und Jugendliche gesetzwidrig abgestellte Zielgruppenwerbung inzwischen am Pranger steht. Hinzu kommt, daß die Umsetzung eines noch verbesserungswürdigen Jugendschutzgesetzes durch eine Kultur des „Wegschauens" oder des fahrlässigen Gewährenlassens nicht eingehalten wird. Hier ist jeder einzelne Bürger in seiner verantwortungsethischen Solidarpflicht gefragt.

CORPS: Die Folgekosten von schädlichem Substanzgebrauch einschließlich der Suchterkrankung sind für jede Gesellschaft enorm und übersteigen bei weitem die vom Staat erzielten Steuereinnahmen. Wäre es da nicht einfacher eine „gesellschaftliche Gewinnund Verlust-Rechnung" aufzustellen, oder etwa den Zigarettenkonsum vollkommen zu verbieten?

Böning: Bislang finanzieren verantwortlich mit ihrer Gesundheit umgehende Menschen den gesundheitsschädigenden Lebensstil von übermäßig trinkenden, rauchenden und sich fehlernährenden Menschen mit, ohne daß letztere zu den von ihnen verursachten Gesundheitsfolgekosten zur Rechenschaft gezogen werden. Schließlich werden in Deutschland fast die Hälfte der volkswirtschaftlichen Gesundheitskosten, die durch vorzeitigen Tod oder Arbeitsmarktausfall, Krankheit und Lebensqualitätseinbußen entstehen, von den „Konsumgiften" Nikotin, Alkohol und Fehlernährung verursacht. Diese Risikotrias, die jeder Bürger durch sein eigenes Verhalten bzw. Fehlverhalten maßgeblich mitbestimmt, darf zukünftig nicht mehr durch eine marktwirtschaftlich sanktionierte Suchtmittelpolitik der Märkte noch weiter gefördert werden. Den Zigarettenkonsum mit Sanktionen zu verbieten (wie teilweise in den USA), scheint mir hierzulande nicht umsetzbar. Immerhin sind bei langsam sinkendem Raucheranteil mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung Nichtraucher. Der Zigarettenkonsum von Kindern und Jugendlichen hat sich aber in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt (!), so daß strikte Einhaltung des Jugendschutzgesetzes und sinnvolle Präventivmaßnahmen (vor allem rauchfreie Schulen und Rauchverbot in öffentlichen Institutionen) höchste Priorität haben. Das Hinausschieben des Einstiegsalters, frühzeitige Hilfe beim Konsumausstieg, Reduzierung der „Griffnähe" zum Beispiel durch Automatenverbot und als wirksamste Maßnahme die Steuerung über den Preis sind nach internationalen Erfahrungen bei Kindern und Jugendlichen die erfolgversprechendsten Maßnahmen.

CORPS: Die Corps leisten seit mehr als 200 Jahren durch Bildung und Erziehung ihrer Mitglieder einen erheblichen Beitrag für die Entwicklung der Gesellschaft. Die nimmt dies praktisch nicht wahr und begegnet uns vielfach mit Mißtrauen oder Ablehnung. Was sollten wir tun, um uns besser darzustellen?

Böning: Uns vor allen Dingen gesitteter benehmen. Das bei manchen jungen Aktiven derzeit regelrecht kultivierte und vorsätzliche Sichbetrinken widerspricht nicht nur den an sich schützenden Ritualen einer Kneipdisziplin. Letztlich ist derartiges Trinkverhalten in der Regel unvereinbar mit der Einhaltung von Regelstudienzeiten, gesitteten Umgangsformen und der Weitergabe sozialer Wertegemeinschaften. Nur wenn wir diesen kollektiven öffentlichen Imageschaden abstellen, können junge Corpsstudenten später auch zu herausgehobenen Verantwortungsträgern in unserem Staate werden. Dazu bietet der in einer Corpsgemeinschaft eigentlich vorbildgebend umsetzbare Generationenvertrag zwischen Aktiven, Inaktiven und Alten Herren sowie eine Universitas verschiedener Studiengänge eine einmalige Bildungschance.

Die Fragen stellte

Michael Schur Cherusciae, Joanneae

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