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ein Kommentar von Philipp W. Fabry Hassiae Gießen, Thuringiae Jena
Gehet in Euch! Tuet Buße! Das Ende der Welt steht bevor! Wieso? Weil sich die Wunder häufen, und das galt für die meisten Kirchenväter als untrügliches Indiz. Die Deutsche Bahn orientiert sich an den Kundenwünschen, Meister fallen, wenn die neue Handwerksordnung Gesetzeskraft erlangt, vom Himmel, und für Streiks gibt’s neuerdings keine Erfolgsgarantie mehr.
Das Megawunder aber wird die bevorstehende Hochschulreform sein, denn sie schafft - unter anderem - einen neuen Menschen, den Bachelor. Noch fehlt es ihm an Konturen, aber soviel steht fest: Da sein Abschlußzeugnis kund und zu wissen tut, daß er kein Fachstudium absolviert hat, werden Wirtschaft, Verwaltung und renommierte ausländische Hochschulen zur Rundumverteidigung übergehen, wenn er so verwegen wäre, sich damit zu bewerben. Was soll’s denn dann? Wer so fragt, der hat das Zukunftsweisende, das Revolutionäre der Zeugung dieses Homunculus nicht begriffen. Denn da sich der Aspirant statt mit schnödem Fachwissen in erster Linie mit Persönlichkeitsbildung befassen soll, fällt der Leistungsdruck fort; zum Bachelor wird’s dann wohl noch reichen. So wird sich die Zahl der Studienabbrecher, und das sind jährlich rund 70 000, drastisch vermindern. Zwar ändert das am Scheitern nichts, aber es schönt die Statistik.
Auch der geplante Masterabschluß (M.A.) hat es in sich. Denn zwischen Bachelor und Master liegen nur vier Semester Fachstudium, ein wenig knapp bemessen, oder? Aber da wissen die Reformkommissionen Rat: Ein neuer Professorentyp, der „Juniorprofessor", der sich nicht wie früher durch eine Habilitation qualifizieren muß, wird schon dafür sorgen, daß keine allzu hohen Ansprüche gestellt werden, und in den Trümmern der zerschlagenen Fakultäten findet sich ohnehin niemand mehr zurecht. Wie sagte doch kürzlich der Kultusminister eines Bundeslandes: „Wir brauchen an den Schulen keine Fachwissenschaftler, sondern Lehrer, die mit Schülern umgehen können!" Ist „Pisa" schon vergessen?
Außerdem soll auf Englisch gelehrt werden. Als Rom die Vorherrschaft über die griechischen Stadtrepubliken angetreten hatte, übernahmen da die Philosophenschulen in Athen das „römische Modell", als Sprache das Latein? Keine Spur! Sonst hätte man am Kai von Piräus folgenden Dialog zweier Sophisten hören können: „Philemon, erkläre mir: Wer sind diese vielen, gut gekleideten und fröhlichen Jünglinge, welche die stattliche Galeere besteigen, und wohin reisen sie?" „Es sind, oh Daimon, Hochschüler, und sie eilen nach Rom, um dort zu studieren." „Aber warum tun sie das? Sind unsere hohen Schulen nicht berühmt? Haben nicht Aristoteles und Plato an ihnen gelehrt?" „Das ist wohl war. Aber seit der Areopag befohlen hat, daß wir uns in allem nach dem richten sollen, was in der Hauptstadt der Welt üblich ist, laufen sie uns in Scharen davon". „Aber beim Zeus: Warum denn, Philemon?" „Kleitos‘ Sohn sagte mir, daß sie dort studieren wollen, wo diese Art der Lehre zuhause ist." Salopp gesagt: Die Herren gingen lieber gleich zum Schmitt anstatt zum Schmittchen.
Ich erinnere mich an einen alten Inaktiven, der im inoffiziellen Teil der Kneipe regelmäßig den schönen Spruch zitierte: „Magen und Leber sind kaputt. Jetzt geht’s mit Hurra auf die Milz!" Die Analogie sei gestattet: Grund-, Haupt- und weiterführende Schulen sind krank, nun rücken wir der Universität zu Leibe. Was kann man dagegen tun? Eine bahnbrechende Lösung plant die Berliner Humboldt-Universität für das nächste Wintersemester: Sie will keine Studenten mehr aufnehmen. Das ist symbolträchtig, denn Wilhelm von Humboldt schuf die Universität, um die uns einst die ganze Welt beneidete. So droht denn vielleicht trotz aller Wunderzeichen noch nicht das Ende der Welt, sondern nur das der deutschen Wissenschaft. Und das ist doch nicht so schlimm, oder? |