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(UN)ZEITGEMÄSSE BETRACHTUNGEN



Dr. Philipp W. Fabry (VAC-Vorsitzender 1971 – 1975) ist Vorsitzender des Stiftervereins Alter Corpsstudenten. In den (Un)zeitgemäßen Betrachtungen stellt er ein aktuelles Thema zur Diskussion.

ein Kommentar von Philipp W. Fabry Hassiae Gießen, Thuringiae Jena

Der Froschkönig hätte heute keine Chance

Es gibt Männer und es gibt Frauen, es gibt Herren und Damen. Einverstanden? Wer aber ist heutzutage ein „Herr"? Dumme Frage! Jeder Mann ist ein Herr, denn so wird er ja angeredet. Früher war das ganz anders. Wem verdanken wir Männer diese qualitative Aufwertung? Der Überwindung der Standesgesellschaft in der Demokratie.

Wer ist heute eine Dame? Na? Die Frage ist, das muß man zugeben, nicht so leicht zu beantworten. Denn anders als bei uns Männern hilft die Anrede nicht weiter. „Dame Meyer" geht nicht, und auf dem Briefumschlag steht, dem Himmel sei’s geklagt, immer noch „Herr und Frau". Gewiß, galante Vortragende reden das Publikum mit „Meine Damen und Herren!" an; auch bei öffentlichen Toiletten hat sich die aufwertende Bezeichnung für das weibliche Geschlecht inzwischen durchgesetzt. Aber das ist, zugegeben, etwas wenig, und so kann sich die Antidiskriminierungsbehörde, die der Bundestag bald ins Leben rufen wird, mit aller Energie dieses schrecklichen Skandals annehmen.

Wir Männer, Pardon Herren, stehen also in dieser Hinsicht gut da. Immerhin ein Trost, wenn man bedenkt, wie man sonst mit uns umgeht! Aber sind alle Männer in Deutschland Herren? Keineswegs. Ganzen Gruppen wird dieses Epitheton ornans vorenthalten, Schaustellern und Gladiatoren zum Beispiel. Da gibt’s Harald Schmidt, und Götz George, da äußern sich der Boris Becker und der Oliver Kahn. Keine Zeitung, kein Fernsehredakteur käme auf die Idee, sie mit „Herr" zu titulieren.

Und sie sind ja nicht allein. Ich wage es kaum zu schreiben, aber die Wahrheit muß auf den Tisch. Sie teilen dieses schwere Schicksal mit Politikern! Gerhard Schröder, Laurenz Mayer, Kurt Biedenkopf – wenn ein Moderator von einem „Herrn Schröder" spräche, dann klänge das maliziös. Dabei werden sogar überführte Mörder von Kindern im Fernsehen von Staatsanwälten und Polizisten als „Herren" bezeichnet! Da kann man schon ins Grübeln kommen.

Warum ist das so? Bei der ersten Gruppe, den hochbezahlten Publikumslieblingen, fällt die Antwort nicht schwer. Die tun was für unsere Gemütslage! Deshalb leisten wir sie uns, so denken die Fans. Da ist für den Begriff „Herr" kein Platz; er schüfe Distanz. Und was ist mit den Politikern? Mit der Sympathie mag es, wenn man den Meinungsforschern glaubt, ja nicht weit her sein. Aber fremd sind sie uns keineswegs, denn auch sie gehören in einer Demokratie gewissermaßen zur Familie. Mit all ihren Stärken und Schwächen.

Außerdem haben beide Gruppen noch etwas gemeinsam. Viele aus ihren Reihen waren und sind stolz darauf, daß sie „aus ganz einfachen Verhältnissen" stammen. Dazu zählen, um nur sie zu nennen, der jüngst unter nicht ganz jugendfreien Umständen verblichene Münchener Paradiesvogel „Mosi" genau so wie – na wer denn? – der frühere US-Außenminister Powell. Damit lagen und liegen sie voll im Trend! Vorbei sind die Zeiten, als Hochstapler sich als Angehörige regierender Fürstenhäuser ausgeben mußten, um etwas zu gelten. Der Froschkönig täte gut daran, seine wahre Identität zu verschweigen; die Prinzessin würde ihn nicht küssen, sondern ihm etwas husten. Wie sagte doch der verstorbene Staatsratsvorsitzende der früheren DDR? „Den Sozialismus in seinem Lauf/hält weder Ochs noch Esel auf!" Gewiß, er hat es anders gemeint. Aber so ganz daneben lag er mit seiner Prophezeiung nicht.

Ich hab’s ja hinter mir, Gottlob! Aber um den Nachwuchs des akademischen Mittelstandes ist mir angst und bange. Sollen dessen Söhne und Töchter ihre braven Eltern bei der Bewerbung verleugnen, sich ihrer schämen? Gemach! Denn was sind einfache Verhältnisse heutzutage? Kürzlich stand zu lesen, daß Fräulein X aus ganz einfachen Verhältnissen stamme. Ihr Vater sei ein Bundestagsabgeordneter ohne Nebeneinkünfte gewesen. Wenn das so ist – da können die meisten von uns locker mithalten!

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