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(UN)ZEITGEMÄSSE BETRACHTUNGEN



Dr. Philipp W. Fabry (VAC-Vorsitzender 1971 – 1975) ist Vorsitzender des Stiftervereins Alter Corpsstudenten. In den (Un)zeitgemäßen Betrachtungen stellt er ein aktuelles Thema zur Diskussion. E-Mail: dr.fabry@t-online.de

ein Kommentar von Philipp W. Fabry Hassiae Gießen, Thuringiae Jena

Barmherzigkeit fängt zu Hause an

Warum, heißt es im Lied, ist es am Rhein so schön? Eine rhetorische Frage, denn die Antwort kennt doch jeder! Bemooste Ruinen gibt es da, süffige Weine und hübsche Mädchen. Kein Wunder also, daß man dort Touristen aus den fernsten Ländern trifft.

Trotzdem staunten die Sachbearbeiter einer Deutschen Botschaft in einem kürzlich erst demokratisierten Land im Osten nicht schlecht, als ihnen Tausende von Einheimischen Visaanträge mit der Begründung präsentierten, sie verzehrten sich vor Sehnsucht nach dem Vater Rhein. Wieso? Aber das war schließlich ihr Problem. Also machten sich die Kanzleibeamten pflichtgemäß daran, jeden Einzelfall sorgfältig zu prüfen.

Das dauerte, und so gab es Wartezeiten. Das mißfiel einigen deutschen Politikern, verletzte es doch ihrer Meinung nach die Menschenwürde. Außerdem waren sie fest davon überzeugt, daß alle Erdenbewohner grundsätzlich ein Anrecht darauf hätten, in die Bundesrepublik einzureisen und mitzuhelfen, den dort angeblich herrschenden Wohlstand aufzuzehren. Also flatterte den Deutschen Botschaften der Erlaß „Pro libertate!" ins Haus. Einzelprüfungen sollte es nicht mehr geben, und im Zweifel war zugunsten des Bittstellers zu entscheiden. Nun fuhren die Visumstempel im Zweiminutentakt auf die Anträge nieder, und wer nicht gerade in Handfesseln erschien, bekam seinen Sichtvermerk.

Die Einwohner jenes Landes gelten als eher bodenständig. Wenn die Mongolen über sie hinweg gen Westen brausten,

pflügten sie ihre Äcker weiter. Der Versuchung, mitzureiten, erlagen sie nicht. So hofften denn die völlig erschöpften Diplomaten, daß der Strom bald versiegen würde. Aber weit gefehlt – Hunderttausende hatte der Wandertrieb erfaßt, vor der Botschaft entstand ein wahres Heerlager. Würstchen- und Limonadenverkäufer errichteten ihre Stände, Bänkelsänger und Drehorgelspieler sorgten für Unterhaltung. Erste-HilfeStationen kümmerten sich um Alte und Kranke. Volksfeststimmung kam auf – vor dem Gebäude. Im Innern aber drohte der Kollaps, und im fernen Deutschland murrten die Bürger immer lauter. Denn ihnen dämmerte inzwischen, daß das, was in der Hauptstadt des fremden Landes – als Pilotprojekt sozusagen – vonstatten ging, ihre Interessen massiv beeinträchtigte.

Und nicht nur ihre. Die Menschen, die eingereist waren, trifft man inzwischen überall in Europa, am Rhein hingegen nur selten. Verständlich, denn was einige von ihnen so treiben, hat mit sightseeing nichts, mit Menschenhandel, Drogenkriminalität, Prostitution um so mehr zu tun. Die Liste der Vergehen, die deutsche Gerichte inzwischen aufarbeiten müssen, ist lang. Und selbst die Mehrzahl, die sich auf ehrliche Weise ihr Brot verdient, erntet scheele Blicke. Denn Arbeitsplätze in der EU sind rar.

Folgt man Hobbes, dem berühmten englischen Philosophen, dann ist der einzige Daseinszweck des Staates, seine Bürger zu schützen, nach innen wie nach außen. Im Zweifel muß daher die Entscheidung immer „pro securitate" fallen. Anscheinend hat man sich dieser Binsenwahrheit inzwischen wieder erinnert, denn der „pro libertate"-Erlaß wurde aufgehoben.

Ein „happy end" also? Zweifel sind erlaubt. Es sieht zwar so aus, als ob einige von denen, die, obzwar dem Christentum gegenüber bestenfalls indifferent, eine höchst subjektiv interpretierte Bergpredigt per Erlaß durchsetzen wollten, nun politisch in die Bredouille geraten würden. Ob das zur Einsicht reicht, bleibt fraglich, denn sie werden es mit Gretchen halten, die ihre Sünde mit den Worten rechtfertigte: „Doch – alles, was mich dazu trieb – Gott, war so gut, ach, war so lieb!" Wir hoffen hingegen, daß sich deutsche Politik in Zukunft an der Maxime eines deutschen Abgeordneten orientiert, der kurz und bündig konstatierte: „Wir sind weltoffen, aber nicht doof!" Ob sich das bestätigt, bleibt abzuwarten.

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