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"PISA - und was lernen wir daraus?"
ein Kommentar von Philipp W. Fabry Hassiae Gießen, Thuringiae Jena
Peinlich, peinlich, und der Schock sitzt tief: Die OECD Studie PISA (Programme for International Student Assessment) stuft deutsche Schüler auf einer Rangliste von 32 Industriestaaten unter „ferner liefen" ein. Und alle Kommentatoren sind sich einig: Die Diagnose stimmt. Das deutsche Bildungssystem sei „auf dem Stand Sibiriens", die Studie sei eine „Ohrfeige für die deutsche Bildungspolitik", Wilhelm von Humboldt „drehe sich im Grabe herum". Was ist zu tun? Wortreich melden sich Pädagogen und Politiker zu Wort. Einige Parteien fordern die Ganztagsschule, Bundesbildungsministerin Bulmahn (SPD) will Kinder „besser und früher fördern". Die baden-württembergische Kultusministerin Schavan (CDU) will die Lehrerbildung reformieren, Elternund Lehrerverbände wollen mehr Geld.
Was ist an diesem Kanon originell? Nichts. Diese Forderungen begleiten uns seit Jahrzehnten. Herumdoktem an Symptomen - mehr ist es nicht - hilft aber nicht weiter, denn die Wurzel des Übels liegt viel tiefer. Versuche am lebenden Menschen sind in unserem demokratischen Rechtsstaat verboten - mit einer Ausnahme: An Schülern darf herumexperimentiert werden. Schon vor Jahrzehnten trieben so genannte Reformer, in Wahrheit Utopisten und Ideologen, in der Grundschule mit der „Ganzheitsmethode" den lieben Kleinen Rechtschreibung und Schönschreiben, mit der Mengenlehre das Rechnen aus. Als dann noch die Kopfnoten abgeschafft wurden, zogen sich Disziplin und Verantwortungsgefühl aus den Klassenzimmern und viele Lehrer, entnervt, entweder in die innere Emigration oder in den vorgezogenen Ruhestand zurück.
Um die weiterführenden Schulen steht es - Ausnahmen gibt es natürlich - nicht besser. Schule müsse Spaß machen, so tönt es; Wissensvermittlung sei sekundär, „soziale Kompetenz" vornehmstes Bildungsziel. Im Deutschunterricht ersetzen politisch korrekte Traktätchen die große Literatur. Die alten Sprachen werden verdrängt, Geschichte und Religion „entschlackt", und so verschwinden ganze Datenbänke abendländischer Bildungsinhalte. Der Leistungsschwache wird gefördert und der Begabte gebremst, die Versetzung zu einer Art einklagbarem Menschenrecht. Und da es immer noch Lehrer gibt, welche die Zeichen der Zeit nicht sehen wollen, legen die Kultusbehörden Hand an die Ausbildung, indem sie statt des Fachwissens die Didaktik in den Vordergrund stellen. Famulus Wagner, der Hohlkopf aus Goethes „Faust" - der ideale Erzieher?
Die Studie trägt den Namen PISA; das fordert einen Vergleich geradezu heraus. Warum neigte sich der Turm in dieser schönen Stadt? Das Fundament war brüchig. Warum kracht der Turm der deutschen Schulbildung in allen Fugen? Vielleicht ist es ja so, dass auch deren Basis bröselt, dass jede Gesellschaft die Schule hat, die sie verdient. Um die Familie steht es schlecht, viele Eltern wollen oder können nicht mehr erziehen und schieben diese Aufgabe der damit überforderten Schule zu. Ob und wie Bildungsinhalte vermittelt werden, interessiert sie weniger. Und so haben die „Reformer„ freie Hand.
Zu Beginn der sechziger Jahre gab es einen Gassenhauer. Darin erklärte ein Sänger, weshalb er mit seiner Lisa nach Pisa fahren werde. Nicht des Reimes wegen, was nahe gelegen hätte - er wollte ihr an Hand des schrägen Turms beweisen, dass sich „das Schiefe auf der Welt oft unwahrscheinlich lange hält". Recht hatte er, der Mann, auch in übertragenem Sinn. Denn da nicht anzunehmen ist, dass wir uns wie Münchhausen selbst an den Haaren aus dem gesellschaftlichen Sumpf ziehen, in den wir geraten sind, werden uns Bildungsmisere und Expertengezänk noch lange erhalten bleiben. Einen Unterschied gibt es allerdings: In Pisa hat man das Fundament inzwischen saniert.
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