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"PISA - und was lernen wir daraus?"
ein Kommentar von Philipp W. Fabry Hassiae Gießen, Thuringiae Jena
Nach Schopenhauer taugt keiner zum Denker, den nicht manchmal in hellwachem Zustand das Gefühl beschleicht, er träume. Hat er recht, dann werden wir Deutsche bald ein Volk von Philosophen sein. Zum Realitätsschwund trägt wesentlich bei, dass viele Begriffe Sachverhalte vorgaukeln, die nicht gegeben sind. Das Verteidigungsministerium? Es führt Krieg am Hindukusch. Die Ökosteuer? Sie soll die Altersrente sichern. Die „Bundesanstalt für Arbeit" kümmert sich nicht um die Arbeitslosen, sondern um ihre Mitarbeiter. Die Spende, einst ein karitativer Akt, bereichert den Gebenden oder korrumpiert seine Freunde. Auch im ethischen Bereich lässt sich Etikettenschwindel diagnostizieren. Wenn der Tierschutz, wie geplant, demnächst in das Grundgesetz aufgenommen wird, wird das Lamm gewiss freudig blökend dem Schächter seinen Hals darbieten, und gerührt wird der Wanderer vor den riesigen Scheiterhaufen stehen, auf denen gekeulte Herden verkohlen. Denn beide wissen oder ahnen ja, daß Karlsruhe streng darüber wacht, daß der Kreatur kein Leid geschieht.
Auch die Wissenschaftler, die uns in ferner Zukunft nachspüren, werden Probleme haben, Schein und Wirklichkeit zu trennen. Ist der „Ötzi", den sie dem ewigen Eis entreißen werden, ein Original? Oder wurde er geklont? Und man wird Archäologen vor vergilbten Filmen grübeln sehen: Sind die Flugzeuge, die da am Himmel Formationsflug üben, wirklich geflogen? Oder ist das nur eine Computersimulation? Die Armen müssen, genau wie wir, mit Rustan in Grillparzers Drama „Der Traum - ein Leben„ ausrufen: „Es ist nichts Wirklich's / Truggestalten, Nachtgebilde..."
Was ist zu tun? Nichts, so scheint es. Entzieht sich doch ohnehin die Mehrzahl der mündigen Bürger der Realität durch ausgedehnten Konsum des Fernsehprogramms; auf ein paar Nuancen kommt es da nicht mehr an. Oder doch? Mich jedenfalls riss es förmlich hoch, als ich las, dass Politiker und Schriftsteller ernsthaft überlegen, ob man nicht ein Bundesland Brandenburg-Berlin „Preußen" nennen sollte. Bei allem Verständnis dafür, daß manch einem bei dieser Vorstellung die Augen vor Rührung feucht werden: Mit dem wirklichen Preußen hätte dieses Gebilde nichts zu tun. Denn nach dieser Logik könnte sich etwa Luxemburg als „Heiliges Römisches Reich" und Ungarn als „Attilas Eurasien" bezeichnen. Außerdem aber, und das sollte man den Geschichtsklitterem um die Ohren schlagen, ist Preußen mehr als ein geographischer Begriff. Es ist ein Symbol politischer Kultur. Man mag Preußens Rolle in der Geschichte kontrovers bewerten; fest steht aber: Kein Preußen ohne die Bereitschaft zum Dienen, ohne die Fähigkeit, diesen Dienst selbstverantwortlich zu leisten, ohne den Willen, für den Staat, nicht für sich selbst tätig zu sein. „Suum cuique" war Preußens Losung. Sie flackert wie Wetterleuchten in eine Zeit hinein, in der Korruption alltäglich ist und der Neid zur Ideologie stilisiert wird, in der Charakterlosigkeit als Lebensklugheit und die Lösung der Kinder vom Einfluss der Eltern als pädagogisches Patentrezept gefeiert werden, in der Verhöhnung und Verunglimpfung der Großväter Teil des Selbstverständnisses großer politischer Gruppierungen sind.
Berlin-Brandenburg - „Preußen"? Käme es dazu, dann wäre das der Gipfel des Absurden; vor ihm würde alles andere verblassen. Und daher ist es, um Wallensteins Mörder Deveroux in Schillers Drama zu bemühen, wahrhaftig„ . . . Zeit zu lärmen'. Wer heute mit dem Begriff „Preußen" kokettiert, der will dem preußischen Adler die Federn rupfen und ihn in seinen Käfig sperren, damit ein wenig von dem Glanz, der immer noch von ihm ausgeht, auf die Epigonen falle. Das aber hat Preußen nicht verdient. Lassen wir den Aar weiter dort schweben, wo er schon seit 1918 majestätisch seine Kreise zieht: in der Unsterblichkeit. |