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Der erste Teil erschien in CORPS  2 / 2002

 

Von Professor Dr. Herrmann Rink

Hassiae Gießen zu Mainz, Gothiae

 

Alle Veränderungen im Universitätsbetrieb werden deshalb auch Rückwirkungen auf das korporative Leben unter Umständen sogar auf die Existenz der Korporationen haben, und dies um so mehr je weniger diese auf den sich abzeichnenden Wandel vorbereitet sind. In den vergangenen Jahrzehnten mussten wir lernen, dass der Akademiker, der Corpsstudent, nicht mehr auf dem Feld der Ehre um seinen Ruf und um seine Anerkennung kämpft, sondern dass sich dieser Kampf in die Hörsäle, in die Seminare, in die Prüfungen verlagert hat. Fleiss und Einsatz, Durchsetzungswille und Eigeninitiative, Leistungsbereitschaft und Führungsqualität, die Gabe zu organisieren, Orientierungsfähigkeit, Konfliktlösungsbereitschaft und soziale Kompetenz, das sind die Zauberworte und die Skalenwerte von heute.

 

Abgesehen von schwachen Ansätzen, wie der Schaffung von Fachbüchereien auf den Corpshäusern, der Einrichtung von Studierzimmern (Mikroskope, Zeichentische etc.) und der Forderung nach der Bildung von Tutorengemeinschaften haben die Corps in corpore darauf nicht reagiert. Sie haben es ihren Mitgliedern überlassen, sich doppelt – nämlich im Studium und im Corps zu bewähren – und haben damit unbewusst auch eine neue nicht zu unterschätzende Art von Auslese getroffen. Wir wissen es, und in vielen Chefetagen der Wirtschaft wird es auch gewusst, wer dieser Doppelbelastung im Studium gewachsen ist, der ist mit grösster Wahrscheinlichkeit auch einer beruflichen Doppelbelastung gewachsen.

 

Welche äusseren Umstände erzwingten einen Wandel, auf den das Bundesministerium, die Landesregierungen, die Kultusministerkonferenz, der Rektorentag, der Deutsche Hochschulverband und damit die Universitäten und aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Corps reagieren müssen: Was vorauszusehen war, ist eingetreten, die Massenuniversität von heute ist bildungspolitisch, sozialpolitisch, finanzpolitisch und gesellschaftspolitisch in einer Strukturkrise. Ja man darf getrost sagen, in einer Sackgasse angelangt. Sie ist in der jetzigen Form nicht mehr haltbar, nicht mehr finanzierbar, nicht mehr kontrollierbar, nicht mehr kalkulierbar.

 

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Es war einmal ein vordergründig politisches Ziel der einzelnen Länder gewesen, mit vielen und neuen Universitäten aufzutrumpfen, viele Abiturienten von der Strasse weg und in die Universitäten hinein zu bekommen. Selbst von 1980 bis 2000 hat sich der Anteil der Studierenden nochmals verdoppelt. In einer ersten Phase waren die neuen Universitäten Regensburg, Augsburg, Bayreuth, Konstanz, Bielefeld und Bochum entstanden. An allen haben auch die Corps Fuss gefasst. Passau, Trier, Osnabrück, Oldenburg, Bremen, Siegen Dortmund, Hagen, Kaiserslautern und Koblenz folgten später. Mit dem Ausbau ist es aber

nicht getan. Für den Erhalt, die Erneuerung, die ständige Modernisierung und den wachsenden Personaletat müssen ständig mehr Mittel ausgegeben werden. Für BAFÖG, für Krankenversicherung, für Studentenheime, für Mensen und ähnliches müssen ebenfalls erhebliche Summen aufgewandt werden. Einfach ausgedrückt, die allgemeine Wirtschafts- und Finanzkrise ist es, die nun den Missstand aufdeckt und einen Strukturwandel erforderlich macht, so wie er in unserer Gesellschaft bereits diagnostiziert werden kann. Da die Universitäten immer ein Spiegelbild ihrer Zeit und ihres sozialen Umfeldes sind, lohnt es auch einen Blick auf den Wandel unserer Gesellschaft zu werfen. Dabei sind folgende charakteristische Merkmale zu nennen:

 

Wir pflegen mehr und mehr den Kapitalismus in Reinkultur.
Die Kommerzialisierung hat alle Lebensbereiche erfasst.
Automatisierung, elektronische Datenverarbeitung im Alltag.
Ungehemmter Individualismus.
Das Individuum mit seinen Lust- und Freiheitsgefühlen führt zur Spass- und Freizeitgesellschaft.
Internationalisierung und Globalisierung – Fusionen.
Für uns speziell hat die Europäisierung, das Vereinte Europa mit dem Euro greifbare Formen angenommen.

 

Die Humboldtsche Universität wollte den gebildeten Menschen, die Persönlichkeit also, die für eine Führungsposition in Frage kommt. Die neue Universität sieht vermehrt nurmehr die Ausbildung für einen akademischen Beruf. Damit ist eine wichtige Grenzfrage erreicht worden.

 

Umfassende Bildung oder nur Berufs-Ausbildung ? Suche nach der Wahrheit oder Vermittlung von Wegen zum Profit?

 

Diese essentielle Frage blieb offen. Damit sollten die Professoren alleine zurecht kommen. Sie konnten es offenbar, solange die Zahl der Studenten klein war, und in Forscher und Berufstätige getrennt werden konnte. Denn lange vor den zuständigen Politikern haben die Professoren begriffen, dass die Universitäten von dem leben, was eine gut laufende Wirtschaft dem Staat als Gewinn abwirft. Heute heisst es dagegen: Masse statt Klasse. Der Andrang der Studenten ist zu hoch, die Studienzeit zu lang, die Abbrecherquote immens, der Erfolg mehr als bescheiden.

 

Die akademischen Lehrer sind überfordert, es bleibt keine Zeit zur persönlichen Betreuung, kaum mehr Zeit zur eigenen Forschung, Mittelmässigkeit gekennzeichnet durch Massenprodukte macht sich breit, die Akademikerschwemme ist perfekt. Die Universität stellt sich als eine volkswirtschaftliche Fehlinvestition dar. Es wird, gemessen am Erfolg, zuviel investiert.

 

Hinzu kommt die erhebliche negative psychologisch-menschliche Dimension eines jungen Menschen, der das Studium auf sich genommen hat, der seine Prüfung bestanden hat, der dennoch keine Stelle bekommt, der sich nutzlos vorkommt. Für viele dieser jungen Menschen bricht damit eine Welt zusammen. Sie werden erpressbar, wo es ums nackte Überleben geht, findet soziale Diskriminierung statt. Hier breitet sich ein Potential aus, das geistigen Verführern aller Art von politischen, religiösen und weltanschaulichen „Ismen“ den Boden bereitet.

 

Fortsetzung in der nächsten CORPS-Ausgabe

 

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