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Uwe Jauß ist Kriegsberichterstatter und Redakteur der Schwäbischen Zeitung



Uwe Jauß (l.) und seine Frau Hildegard Nagler unterwegs in Ostburma mit Freischärlern aus dem Bergvolk der Karen. Von Thailand drangen sie 50 Kilometer in die Kampfzone vor.

"Unsere Aufgabe ist es, das ganze Ausmaß an Leid im Blick zu haben und darüber zu berichten"

 

CORPS: Herr Jauß; Sie sind Redakteur für Außenpolitik bei der Schwäbischen Zeitung und haben in den vergangenen zwölf Jahren, seit 1997 zusammen mit Ihrer Kollegin und Ehefrau Hildegard Nagler, aus mehr als 50 verschiedenen Kriegs- und Krisengebieten berichtet. Eine Leistung, die Anfang November 2003 mit der Verleihung des Sonderpreises der renommierten Siebenpfeiffer-Stiftung an sie beide gewürdigt wird. Elend, Leid und Not ? Was motiviert Sie für diese gefährliche, journalistische Arbeit?

 

Uwe Jauß Stauffiae Stuttgart: Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Berichterstattung über vergessene Kriege – etwa den mehr als 50 Jahre tobenden Dschungelkonflikt zwischen Burmas Militär und dem Bergvolk der Karen. Fast niemand kümmert sich darum. Selbst in Ländern, wo sich zahlreiche TV-Teams einfinden, richtet sich der Focus oft nur auf einen Punkt: Sarajewo beim Bosnien-Krieg oder Kabul, wenn es um Afghanistan geht. Das ist bequemer und lässt sich wohl auch besser verkaufen. Auf der Strecke bleiben die Menschen jenseits der nächsten Hügel, beziehungsweise die Opfer jener Kriege, die von den Nachrichten-Machern als wenig spektakulär betrachtet werden und deren Schauplätze schwieriger zu erreichen sind. So reisten über Jahre hinweg nur wenige Reporter in den Hindukusch, wo TalibanGegner ihre letzten Widerstandsnester hatten. Die Menschen dort wurden praktisch von der Welt alleingelassen. Viele verhungerten, erfroren, wurden niedergemetzelt, Milizionäre krepierten schlecht ausgerüstet an Hochgebirgsfronten – und all dies geschah meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei ist es gerade unsere Aufgabe als Journalisten, das ganze Ausmaß an Leid im Blick zu halten und darüber zu berichten – mit der kleinen Hoffnung, dass so den Menschen wenigstens ein wenig geholfen wird.

 

CORPS: Erste Erfahrungen als Kriegsberichterstatter haben Sie im Kroatien- und im Bosnienkonflikt gesammelt. Später waren Sie zusammen mit Ihrer Ehefrau zum Beispiel in Afghanistan oder Südostasien unterwegs. Von Afghanistan über Angola bis Zentralafrika und Zypern reicht aktuell die Liste der Staaten und Regionen, in denen es Krisen, Konflikte und Kriege gibt. Gibt es etwas wie immer wiederkehrende Motive oder Grundmuster bei diesen Auseinandersetzungen?

 

Uwe Jauß: Friedlicher ist die Welt in den vergangenen Jahren nicht geworden. Grob geschätzt gibt es gegenwärtig weltweit mehr als 30 bewaffnete Konflikte. Dass sich dabei Staaten gegenüber stehen, ist aber äußerst selten geworden. Zumeist handelt es sich um Bürgerkriege, sei es in Somalia, im Kongo, in Sierra Leone, Liberia etc.. Es geht um die Machtverteilung zwischen ethnischen Gruppen oder Sippschaften, um Öl, Diamanten, den persönlichen Profit von Kriegsfürsten. Die Genfer Konventionen spielen dabei meist keine Rolle. Massaker kommen regelmäßig vor. Laut UNSchätzungen sind rund 90 Prozent der Opfer Zivilisten. UNICEF verweist darauf, dass allein in den vergangenen zehn Jahren weltweit rund zwei Millionen Kinder durch Kriegshandlungen den Tod gefunden hätten. Vier bis fünf Millionen seien verstümmelt worden. Aber auch für die Menschen, die davonkommen, ist nicht automatisch alles wieder gut: Oft sind sie zu einem langen Flüchtlingsdasein verdammt.

 

CORPS: Als Begründer der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung gilt der athenische Historiker Thukydides (ca. 460 bis 400 v. Chr) mit seiner Monographie über den Peloponnesischen Krieg zwischen Sparta und Athen. Gibt es auch heute eine aktuelle und objektive Kriegs- und Krisenberichterstattung oder ist dies eine Illusion?

 

Uwe Jauß: Wirklich objektiv kann wohl keine Kriegsberichterstattung sein. Der einzelne Reporter hat normalerweise keine Chance, den ganzen Konflikt zu übersehen. Meist kann er sowieso nur von einer Seite berichten. Während der Balkan-Kriege war es zum Beispiel für deutsche Journalisten ungleich schwieriger, von den Serben eine Akkreditierung zu erhalten als von den Kroaten und Muslimen. Damit fiel es letzteren leichter, die Berichterstattung zu manipulieren. Ihre Darstellung des Kriegsgeschehens erschien dem Reporter womöglich um so glaubwürdiger, je öfter ihm serbische Gräuel gezeigt wurden oder er ins Visier serbischer Heckenschützen geriet. Für den Blick in kroatische oder muslimische Abgründe fehlte ihm dagegen die Erfahrung von der anderen Frontseite. So kann eine gefärbte Berichterstattung zustande kommen, selbst wenn dies der Reporter gar nicht will.

 

CORPS: Das System des „embedded journalism" (Journalisten, die mit einer Militäreinheit unterwegs sind), wurde jetzt aktuell im Krieg der Vereinigten Staaten gegen den Irak praktiziert. Die meisten deutschen und kontinentaleuropäischen Journalisten wurden dagegen vom amerikanischen Militär weit entfernt vom „Krisenschauplatz" untergebracht. Hat dies Auswirkungen auf die Qualität der Berichterstattung?

 

Uwe Jauß: Das System des eingebetteten Journalisten hat zu heftigen Kontroversen in der Medienwelt geführt. Eine unabhängige Berichterstattung sei so nicht möglich, hieß es – im Übrigen auch gerne von journalistischen Schreibtisch-Strategen. Übersehen wird dabei, dass es für den Reporter einfach sicherer ist, bei einer Truppe zu sein, als frei über das Schlachtfeld zu irren. Und niemand zwingt ihn, sein Gehirn abzuschalten. Gerade im angelsächsischen Printbereich hat es hervorragende Artikel aus dem Irak-Krieg gegeben, die ohne das „Einbetten" nicht geschrieben worden wären. Noch etwas: Schon um zu überleben, besorgt sich jeder Kriegsreporter, der bei Sinnen ist, für die Todeszonen kundige Führer, die üblicherweise zum Militär oder einer Miliz gehören. Er bettet sich damit praktisch selber ein. Bedenklich wird es jedoch, wenn sich das Militär fast ausschließlich nationale Berichterstatter hält. So haben viele amerikanische TV-Teams während des Irak-Kriegs eher zur Propaganda für die eigenen Truppen geneigt als zu ihrem eigentlichen Job.

 

CORPS: Seit mehr als 50 Jahren gibt es die Vereinten Nationen, zu deren Hauptaufgaben es zählt, Kriege zu verhindern. Im IrakKrieg schien diese Organisation machtlos. Welche Rolle können die Vereinten Nationen künftig bei der Friedenssicherung spielen?

 

Uwe Jauß: Es ist eine Binsenwahrheit, dass die UN nur so stark sind, wie es ihre großen Mitglieder zulassen. Diese haben aber in der Regel kein Interesse an einer machtvollen UN – auch deshalb, weil ihnen die souveräne Politik viel bedeutet. Das Ergebnis ist eine lange Liste des Versagens. Das aufsehenerregendste ist das Massaker von Srebrenica, als die UN-Schutztruppe tatenlos blieb. Letztlich hatte ihr ein robustes Mandat zur Friedenserzwingung gefehlt. Dabei wären die UN eine gute Plattform zur Friedenssicherung. Sie können relativ neutral auftreten. Was gerade jetzt im Irak Nutzen versprechen würde – aber nur, wenn sich die UN von den Amerikanern nicht zur Hiwi-Organisation degradieren lassen. Aber Bushs Regierungsmannschaft hat genau dieses Bild von den UN. Und so lange dies so bleibt, kann der Weltorganisation kaum eine bedeutende Rolle zur Friedenssicherung zukommen.

 

Die Fragen stellte Michael Schur Cherusciae, Joanneae

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