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Die Corps, Alt-Heidelberg und ein Welterfolg



Käthie liebt den Prinzen. Die kanadische Schauspielerin Norma Shearer spielt eine einfache Kellnerin.

Von Oliver Fink

 

MGM-Produktionschef Irving Thalberg neigte wohl eher zum Klotzen als zum Kleckern. Und Ernst Lubitsch, der gerade mit seinem bisherigen Auftraggeber Warner Bros. haderte und mit Paramount Pictures verhandelte, dürfte zufrieden einen tiefen Zug aus seiner Zigarre genossen haben, als Thalbergs Firma um ihn mit einer highbudget-Produktion warb, die der deutsche Regisseur in einem Interview sich bereits sehnlichst gewünscht hatte. Die Aufgabe lautete: Lubitsch sollte für Metro Goldwyn Mayer „The Student Prince In Heidelberg" verfilmen - eine Operette von Sigmund Romberg, die seit 1924 für ein stets ausverkauftes JolsonTheater am New Yorker Broadway sorgte.

 

Ein Stück romantisches Deutschland mit dem Neckarstrand als Schauplatz samt Heidelberger Schloss kulisse - bei den Amerikanern schon damals hoch im Kurs. Der Produzent und der Regisseur waren sich jedenfalls schnell einig, die Dreharbeiten begannen im Dezember 1926.

 

Dem Stoff war Lubitsch in seiner Berliner Kindheit um 1910, die er nach eigener Aussage viermal wöchentlich im Theater verbrachte, gewiss schon begegnet: Rombergs Operette fußt auf dem großen Theatererfolg „AltHeidelberg", der zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Spree aus die Welt eroberte, in 22 Sprachen übersetzt wurde und schon lange vor der New Yorker Operettenpremiere den amerikanischen Kontinent erreicht hatte.

 

Das Schauspiel von Wilhelm Meyer-Förster handelt von der vielleicht allzu rührseligen Geschichte eines Kronprinzen namens Karl Heinrich, der zum Studieren nach Heidelberg geschickt wird, dort befreit die höfische Etikette gegen das studentische Verbindungswesen eintauscht und sich schließlich - Herz über Kopf - in die Kellnerin Käthie verliebt. Vom Neckar plötzlich zum Regieren wieder abberufen, muss er jedoch eine andere, standesgemäße Frau heiraten. Nur die Erinnerung bleibt ihm: an die glücklichste Zeit seines Lebens, an die geliebte Käthie und das schöne Heidelberg.

Bei den deutschen Theaterkritikern war diese bittersüße Romanze nicht gerade gut angekommen. Und als das „Saustück" (Bertolt Brecht), das „idealistisch tut" (Herbert Ihering) und „verlogene, fälschende Romantik" (ders.) sein soll, mehr als 20 Jahre nach seiner Uraufführung schließlich noch das Nationalheiligtum damaliger Bühnenkunst, Max Reinhardts „Deutsches Theater" in Berlin erreichte sowie dessen erste Schauspielergarde beanspruchte (Werner Krauss), mussten einige ihrer Erregung erst einmal Luft verschaffen: Dieser „Leierkasten" (Alfred Döblin), der „alle Ingredienzen des Kitsches in klassischer Mischung wirken" lasse (Kurt Pinthus), sei doch nur ein „anachronistischer Buntdruck" und „alter Schmachtfetzen" (Kurt Tucholsky).

 

Das war Mitte 1923, und da war Ernst Lubitsch seit ein paar Monaten schon als promi nentester Exportartikel der deutschen Filmindustrie in Hollywood sesshaft geworden. Mit seiner drei Jahre später vorgenommenen Verfilmung aber zeigte er, daß „Alt-Heidelberg" erstens nicht so schlimm war wie sein Ruf und zweitens, dass man es sogar noch besser machen konnte. Für seinen Stummfilm benötigte der Regisseur erst einmal Gegenstände, die er telegraphisch seinem noch in Deutschland befindlichen Ausstatter Ali Hubert minutiös auflistete: „Kaufe Kappen, Bänder, Bierzipfel, Kneipjacken, Cerevise für zweihundertfünfzig Studenten aller Heidelberger Corps."

 

Außerdem: „dreihundert alte Zylinderhüte". Diese benötigte der Regisseur in folgender Sequenz: Aus verschiedenen Kameraeinstellungen wird eine schließlich unüberschaubare Menge schwarzgekleideter Männer gezeigt, die vor dem vorbeifahrenden König Karl VII., dem Vormund des Prinzen, im Gleichtakt ihre Hüte lüpfen.



Prinz Karl-Heinrich liebt Käthie. Der mexikanische Schauspieler Ramón Novarro ist der Kronprinz von Karlsburg.

Die eindrucksvolle Szene steht am Beginn des Films, der in einem ersten Teil, virtuos und temporeich inszeniert, die Kindheit Karl Heinrichs in der fiktiven Residenzstadt Karlsburg erzählt. Schon hier wird deutlich, dass der tiefe Griff in die Requisitenkiste nicht nur von Lubitschs Bemühen zeugt, den Kostümfilm so authentisch und dekorativ wie möglich auszustatten. Nein, die Gegenstände, die der Regisseur dort herausfischt, erhalten unter seinen Händen immer wieder symbolisches Gewicht. Keine Frage, auch in dieser Produktion erweist sich Lubitsch einmal mehr als Herr der Dinge. Seine Filmsprache ist so einfach wie die Handlung.

Wenig einladend wirkt die Residenz, in der Karl Heinrich aufwächst, der sie umgebende, riesige Zaun erweckt den Eindruck eines Gefängnisgitters, hinter dem der kleine Prinz traurig in die Welt blickt. Es ist Frühling, als er Jahre danach mit seinem väterlichen Freund und Lehrer Dr. Jüttner voller Erwartung in Heidelberg eintrifft, bei herbstlichem Regen wird er später unfreiwillig und deprimiert die Rückreise nach Karlsburg wieder antreten - die Freuden des Studentenlebens und die Erfahrung erster Liebe hinter sich lassend. Die zentrale Liebesszene zeigt ihn und Käthie bei Nacht auf einer abfallenden Wiese voller weißer Blumen. Und die aufgeregte Leidenschaft der beiden wird sinnbildlich, als ein aufkommender Wind die künstliche Blütenpracht in ein traumhaftes Flirren und Zittern verwandelt - eine Sternschnuppe als Krönung darf da nicht fehlen. Merkwürdig, dass man dennoch zögert, hier im negativen Sinne von Klischees zu sprechen. Keine Spur von Gefühlen peinlicher Berührtheit.

 

Das Ganze ist bis ins kleinste Detail perfekt komponiert. Lubitsch arbeitet im „Student Prince" vor allem mit wiederkehrenden Kameraeinstellungen, Parallelitäten und Gegenläufigkeiten, Wiederholungen und Leitmotiven. Als Karl Heinrich nach Karlsburg zurückkommt, werden ihm - die Anfangssequenz aufgreifend - huldigend Regenschirme entgegengestreckt. Dann, nach dem Tod Karls VII. und vor der Hochzeit, will es der designierte, neue König noch einmal wissen: Für einen Tag begibt er sich nach Heidelberg.

 

Forsetzung folgt ...

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