![]() |
"Hoch bitte - Los!"
von Rolf Heinrichs Petrus meinte es gut mit uns an diesem 22. Februar. Es war kalt, aber sonnig, keine Wolke am Himmel, der Frühling stand vor der Tür. Ich hatte gut geschlafen, geduscht wie immer, auch gefrühstückt, oder was man so frühstücken nennt (Kaffee & Zigarette). Am Frühstückstisch war ich vielleicht eine Spur fröhlicher als sonst, die innere Anspannung versuchte ich durch Lockerheit zu überspielen. Was war schon, meine erste Mensur sollte heute morgen stattfinden, na und? Ich war bestens präpariert, hatte ein ganzes Semester lang Tag für Tag mindestens eine Stunde geübt, gepaukt, wie man sagte. Treffpunkt auf dem Corpshaus war 11.00 Uhr, s. t., also pünktlich! Ich war schon eine halbe Stunde vorher da, obwohl jeder Corpsbruder wußte, daß ich ein Morgenmuffel bin. Ganz locker, nur nichts anmerken lassen. Stefan fragt, ob ich noch ein paar Gänge mit ihm üben wollte? Na klar, warum nicht! Beim Anziehen der Schutzweste merke ich, daß meine Finger zittern. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich war doch nicht etwa nervös? Dann einige Übungsgänge. Alles läuft wie automatisch ab, ich werde ruhig, entschlossen, es kann losgehen. Aufbruch zum Haus der Bayern. Bunte Mützen überall. Die Zuschauer, Spektanten genannt, ganz locker, erwartungsfroh, Gelächter. Mit meinen Corpsbrüdern gehe ich in einen uns zugewiesenen Raum, ich muß mich für die Mensur umzuziehen. Weiße Hose an, Turnschuhe mit rutschfesten Sohlen, dann eine feste Binde um den Hals zum Schutz der Halsschlagader, dann wird mir ein Kettenhemd übergezogen, Parzival trug kein besseres. Dann der dickwattierte Stulp zum Schutz des Fechtarmes, der eisenverstärkte Paukhandschuh, zuletzt die Paukbrille. Mit ihrem Drahtgitter schützt sie die Augen, das Nasenblech verdeckt den Riecherker. Meine Corpsbrüder bilden um mich einen Halbkreis, so, als wollten sie mich schützen, sie versuchen, mich aufzumuntern und wünschen mir, so, wie dies üblich ist, für die Mensur ein kräftiges "Waffenschwein". Fertig, auf ins Pauklokal. Die Spektanten sind bereits versammelt, mein Gegenpaukant ist auch schon da, auch der Unparteiische, der darüber zu wachen hat, daß die Regeln eingehalten werden. Die Luft im Raum nimmt mir den Atem, die Mischung aus kaltem Tabaksqualm und Schweiß, dazu Desinfektionsmitteln, ist nahezu unerträglich. Die Gesichter meiner Corpsbrüder wirken plötzlich nicht mehr fröhlich, sind angespannt. Sie wissen, daß ich nicht gerade ein "Starfechter" bin, sie bangen um mich, obwohl auch mein Gegenpaukant ähnliche Probleme hat. Ich begrüße meinen Kontrahenten, der ist kreidebleich, wirkt unsicher, das macht mir Mut. Das Probekommando. Hoch bitte, los, halt! Dann: "Das Kommando zieht nunmehr scharf: Hoch bitte - los!" Schläger hoch, nach links versetzen und vier Mal zuschlagen, wie immer. Der einzige Unterschied zu den Übungsstunden: Ich trage jetzt keinen Schutzhelm, wie beim Üben, die Klinge des Gegenpaukanten ist scharf, meine auch, ich habe sie stundenlang geschliffen und poliert. In jedem Gang wird vier Mal zugeschlagen, die Spannung verliert sich zunehmend. Es läuft prima. Ich treffe gelegentlich, allerdings mit der flachen Seite der Klinge. Das schmerzt, wie ich weiß, außer einer Beule passiert aber nichts. Im Nu ist der letzte Gang erreicht, der Sekundant ruft zum letzten Mal: "Hoch bitte, los, halt!" und dann: "Wir danken für die Partie. Partie ex!" Das war's also. War das alles? Ja, das war alles! Es fällt im Nachhinein schwer, die Gefühle vor und während der Mensur zu beschreiben. Fest steht, daß ich mich ganz selten anderen Menschen so nahe gefühlt habe wie meinen Corpsbrüdern in der Ausnahmesituation der Mensur. Sie haben sich mit mir und meinen Ängsten solidarisiert, auch wenn nur ich fechten mußte, traten wir in den wenigen Minuten der Mensur eigentlich als Einheit auf, so etwas schweißt zusammen, für's ganze Leben. Hinterher habe ich mit meinem Gegenpaukanten ein Bier getrunken, er hatte die gleichen Gefühle wie ich. Wichtig war, daß ich die Mensur durchgestanden hatte, meine Angst überwand, für mich selbst, meine Corpsbrüder und mein Corps. Jetzt, und erst jetzt gehöre ich wirklich dazu, jetzt bin ich Corpsstudent, habe das Ticket gelöst, alles vorher war nur Spiel. |